Sonntag, 11. Mai 2008

Glück im Spiel

Obwohl ich schon älter als acht bin, spiele ich gerne Gesellschaftsspiele. In meinem Bekanntenkreis sind viele Menschen, die ebenfalls gerne Gesellschaftsspiele spielen. Das trifft sich. Nur leider möchten diese Menschen nicht mit mir spielen.

Gestern fanden sich doch mal wieder Opfer Freunde, und wir haben je zwei Partien Carcassone, Siedler und Phase 10 gespielt. Ich habe fünf von sechs Runden gewonnen.

Ich gewinne imme (das muss ich trotz aller Bescheidenheit leider so deutlich sagen), und deshalb möchte niemand mit mir spielen. Denn meine Mitspieler finden das doof und sind frustriert.

Um sich wenigstens etwas Befriedigung zu verschaffen, bilden sie im Laufe des Abends Koalitionen und spielen in Gruppen gegen mich. Das äußert sich dann so, dass sie sich gegenseitig Punkte und Spielkarten zuschustern, ohne selbst einen Vorteil davon zu haben - Hauptsache, ich bin nicht diejenige, die am Ende gewinnt.

Das frustriert wiederum mich, denn der Sinn von Spielen ist es zwar, gegen seine Mitspieler zu agieren, aber nur, solange man selbst einen Vorteil davon hat. Und nicht, um einen einzelnen Spieler zu mobben (//*wischt verstohlen Tränchen fort).

Dabei habe ich den anderen schon gesagt, woran es liegt, dass ich immer gewinne: Ich habe keinen Plan.

Sie bezweifeln das. Stattdessen wähnen sie eine höhere Macht als Ursache oder mindestens Mogelei. Doch das Geheimnis ist trivial: Ich nehme, was kommt, und mache das Beste daraus. Ich halte mir so lange alle Wege offen, bis der Würfel mir eine Entscheidung vorgibt. Ich sammle alle Optionen, beobachte das Spiel und wäge ab. Erst wenn sich ein Weg, den es sich lohnt zu gehen, deutlich zeigt, treffe ich eine Entscheidung. Und die ziehe ich dann durch.

So wie im richtigen Leben eben.

Dienstag, 6. Mai 2008

Jürgen, der mich ertränken wollte

In der Zeit, als ich dabei war, meine erste Lehranstalt mit der Grundschulreife zu verlassen, wohnte Jürgen in meiner Nachbarschaft.

Jürgen war der Schrecken meines Vorstadtviertels - blond, bullig, burschikos. Er wohnte nahe meiner gediegenen, gutbürgerlichen Reihenhaussiedlung im Hochhaus, das nicht irgendein Hochhaus war, sondern das Hochhaus. Schließlich gab es nur dieses eine und kein anderes, was das Wort zum Eigennamen machte.

Das Hochhaus brandmarkte Jürgen, so wie es alle seine Bewohner brandmarkte. Wer aus dem Hochhaus kam, wohnte zwar nebenan, aber doch fern meiner Welt. Die aus dem Hochhaus waren suspekt. Bevor wir Reihenhauskinder unbeobachtet mit den Hochhauskindern spielen durften, prüften unsere Eltern ihre geistige und moralische Reife, damit sie uns durch das Spiel mit Plastikpistolen oder Gegenthesen zum Storch nicht sittlich verderben mochten.

Jürgen besaß die erforderliche geistige und moralische Reife nicht - nicht aus spießbürgerlicher Sicht, aber auch objektiv besehen gibt es berechtige Zweifel. Denn Jürgen verbrachte seine Mittagszeit damit, auf Kosten pflichtbewusst heimkehrender Grundschulkinder Wegelagerei zu betreiben. Er wartete, breitbeinig und mit dem Rücken gegen einen Laternenmast gelehnt, auf uns Dötzchen, um uns, nachdem wir an ihm vorbeigegangen waren, von hinten am Tornister zu reißen, uns in Büsche zu schubsen und unsere schutzbeumschlagten Bücher, unsere hübschweißen Turnschläppchen und die in Schönschrift geführten Hausaufgabenhefte in Beete auszuleeren.

"Geh nicht über den Lehnsweg nach Hause, der Jürgen hätte dich fast ertränkt", ermahnte meine Mutter mich unermüdlich, einen Umweg in Kauf zu nehmen. Denn tatsächlich hatte Jürgen mir einmal die Luft aus den Schwimmflügeln gelassen, als ich nichtsahnend im Kinderbecken des örtlichen Bades trieb.

Vor Jahren treffe ich Jürgen in der Sauna wieder. Fett ist er geworden, aufgedunsen und schwerfällig. Sein Haupthaar ist schütter, das Brusthaar spärlich, nur im Schritt wuchert wildes Blond und bildet ein gedeihliches Versteck für sein Glied.

Natürlich erkenne ich ihn sofort, wie er dort breitbeinig vor dem knackenden Ofen auf dem Holz sitzt. Mit der flachen Pranke schlägt er sich Schweiß von den Armen. Warmem Regen gleich spritzen die Tropfen gegen eine faltige Matrone, Typ russische Hebamme ("Parässen Sie! Fästär! Fästär! Nur gute Geburt, wenn Riss tief und lang!"), die unter ihm auf ihrem Handtuch hockt. Sie wendet sich um, in ihren Augen blitzt Kampfeslust.

"Passen Sie doch auf!", herrscht sie ihn von unten nach oben an. "Sie Ferkel!"

Jürgen schaut ihr ins Gesicht, sein Blick senkt sich auf ihren üppigen Busen, dann schaut er wieder auf, seine Augen verengen sich. Doch sie hat sich schon wieder umgewandt und zeigt ihm nichts als Rücken und Hinterkopf. Er stützt seine Arme auf die Knie und senkt seinen Kopf in Demut vor Hitze und Hebamme auf seinen Brustkorb.

Sonntag, 4. Mai 2008

Kussmomente

Denkt Euch in einen dieser Momente, in dem alles klar ist. In einen dieser Kussmomente zum Beispiel, in dem Ihr Euch gegenüber liegt, zwei Fremde und doch Nahe, der eine seine Hand irgendwo beim andern, nicht intim, aber doch innig irgendwo über der Kleidung, vielleicht in der Taille, vielleicht auf der Hüfte. Ihr seht Euch an, vielleicht habt Ihr Euch schon oft angesehen, nur aber nicht so. Vielleicht aber habt Ihr Euch noch nicht so oft angesehen, fast noch gar nicht. Ihr seht Euch also an und wisst sofort: ja. Oder auch: nein. Ja, alles ist richtig so. Und: Nein, Ihr könnt nichts falsch machen.

Es sind nur Bruchteile von Sekunden, in denen Ihr nichts denkt oder wenn doch, in denen Ihr nur mit Herz und Bauch denkt; in denen Ihr nur fühlt, in denen Ihr aber nichts Bewusstes spürt außer erwiderte Zuneigung. Synchron schließt Ihr die Augen, und dieser gehauchte Moment, der nur ein Luftzug in Euer beider Leben ist, in dem Eure Lippen einander das erste Mal berühren und Ihr spürt, ob sie weich oder gespannt, ob sie fragil und feinfühlig oder fest und fordernd sind, das ist der Moment, in dem Euer Herz eine Entscheidung trifft.

Erst scheu, dann kraftvoller küsst Ihr, jeder von Euch agiert und reagiert, es gibt diesen Takt des völligem Einvernehmens, als steuere Euch jemand aus der Ferne und habe zeitgleich jede Bewegung und jedes Geräusch, was auch immer um Euch herum geschieht, mit einem kernigen "Schschsch!" zum Schweigen gebracht. Dieser eine Kussmoment, der seid nur Ihr, und er ist nur ein Atemzug, dann löst Ihr Euch wieder voneinander, seht Euch an, schaut Euch erst in die Augen und lasst dann den Blick über das Gesicht des Anderen wandern. Ihr wollt sein Empfinden darin entdecken. Und weil Ihr Euch so nah seid, könnt Ihr seine Mimik nicht im Ganzen erfassen, ganz anders als im Winter, wo Ihr, ohne es zu hören, an den Atemwolken entfernter Menschen seht, dass sie sprechen; Ihr müsst Augen, Mund, Wangen und Stirn erst einzeln nach ihrer Meinung absuchen - und dann schaut Ihr einander wieder in die Augen. Dort, und das ist mehr als nur ein Sekundenbruchteil, mehr als nur ein Aufblitzen, sondern ein Zustand, dort seht Ihr ihn, diesen Ausdruck, der das Ende aller Zweifel ist.

[inspiriert in einem rührseligen Augenblick]

Freitag, 2. Mai 2008

Schwanger von die Hassan

Vor H&M steht eine Puppe in Hüftjeans, Steppjacke und Nietengürtel, die in ihr Handy brüllt.

"... das is alles dursch dir so! Wenn du nisch mit die Hassan gefickt hättest, wärst du jetzt nisch schwanger, ey, sondern isch wär schwanger ..."
Ich beginne, die Auslagen zu betrachten.

"... Hassan wollte noch nie mit disch zusammenziehen, der wollte immer nur mit misch zusammenziehen. Hassan steht voll nisch auf disch, der findet misch viel geiler, der will disch nur abziehen ...."
Indem er ihr ein Kind macht? Ähm .... ich weiß ja nicht.

"... der will disch nur an sisch binden, damit er immer mit dir ficken kann. Isch mach das nämlich nisch. Wenn isch kein Bock hab, ey, dann hab isch kein Bock, egal ob er misch geil findet oder nisch. Aber wenn er disch schwanger macht, dann musstu bei ihm sein, dann kann er disch immer ficken, wann er will. ..."
Ach so. Na, das klingt natürlich schlüssig. Der Hassan möchte sich also seine eigene Prostituierte halten. So ein Dauerabo inklusive Unterhaltskosten ist natürlich preiswerter als der Einzelkauf.

"... jetzt wo Hassan disch schwanger gemacht hat, mietest du einfach eigene Wohnung, kriegst du dieses Hartzvier und von Hassan dann für das Kind auch. Und er kann disch nisch immer ficken, wenn er nisch Schlüssel zu deine Wohnung hat ..."
Sie hat's echt raus.

"... isch geh jetzt erstmal Tanga kaufen. Isch komm heut abend vorbei, ja? Soll isch Kippen mitbringen? Bring isch Kippen mit. Ciao, ja, bussi, ciao."

Montag, 28. April 2008

Irgendwas ist immer

Wenn ich mich so umsehe bei den Endzwanzigern und Mittdreißigern in meiner Umgebung, entdecke ich viele Menschen, die unzufrieden sind.

Sie hadern. Sie hadern mit sich, den Umständen, dem Leben. Sie haben befristete Job, sind unterbezahlt, haben ein Schreikind, sind zu intelligent für einen Partner oder der Partner zu polygam. Sie fühlen sich wahlweise zu sehr ausgefüllt oder aber unterfordert - vom Job, von der Elternzeit, von der Ehefrau. Immerzu trauern sie vergangenen Gelegenheiten nach: dem verpassten Auslandssemester, dem Zivildienst im brasilianischen Urwald, dem Job in den USA oder der Jugendliebe, die nächsten Monat heiratet und sie auch noch eingeladen hat.

Die Frauen, sie wollen einen Maler, Lyriker, Lebenskünstler zum Freund, der mit ihnen Dinge tut, die sie alleine nicht wagen - ja, die sie nicht einmal denken würden zu tun. Oder nein, eigentlich möchten sie so einen Kerl nicht, denn das wäre ja eine Hallodri. Sie möchten stattdessen an die Hand genommen werden und im Windschatten der Unbekümmertheit eines anderen Menschen, eines aufregenden Mannes, leben, ohne dabei selbst unbekümmert zu sein. Das wäre toll - aber nur, wenn sie dabei nicht so schrecklich spontan sein müssten. Oder doch: Eigentlich wären sie gerne spontan, eigentlich wäre es ihnen gerne schnuppe, ob die Frisur sitzt, auch wenn sie dann nicht sie selbst wären. Ein bisschen möchten sie gerne jemand anders sein, jemand, der nicht diese unbestimmte Furcht fühlt, nur weil er keine Unfallversicherung abgeschlossen hat. Ein bisschen möchten sie - ja, was möchten sie eigentlich?

Die Männer, sie wünschen sich, Helden zu sein, keine großen Helden, das wäre ja zu viel verlangt und, wenn man es sich bei Licht besieht, auf Dauer auch zu anstrengend. Aber wenigstens Alltagshelden möchten sie sein, die das mit links erledigen, was ihnen derzeit so viel Mühe bereitet. Sie möchten kleine Helden sein - Heldchen, Heldiños - die einen tollen Job haben, die aufrichtig bewundert und ein wenig umsorgt werden, die mit Kraft, Grips und Geschick beeindrucken, die männlich sind, ohne dabei albern zu wirken. Kurzum - sie möchten als was wahrgenommen werden, was sie nicht sind: tollkühne Kämpfer und begnadete Liebhaber.

Doch anstatt auszubrechen aus ihrem Leben, und sei es nur, um einmal so richtig was Verrücktes zu machen, bei Rot über die Ampel zu gehen oder einen Kaugummiautomaten zu knacken, kaufen die Männer sich ein Motorrad. Ein Motorrad, vollkaskoversichert, falls es mal aus der Kurve ausbricht, wenn der Tiger, der in ihrer Brust schläft, kurz erwacht und sich räkelt. Die Frauen, sie gehen zum Friseur und kaufen sich ein neues Outfit, neue Schminke, als sei es das neue Äußere, das ein neues Inneres schafft, dabei ist es umgekehrt.

Viele von ihnen, die meisten, sind auf der Suche, und sie haben es sich in den Kopf gesetzt anzukommen. Doch sie kennen den Weg nicht, was vor allem daran liegt, dass sie ihr Ziel nicht kennen. Denn wenn sie es kennen würden, könnten sie den Weg dahin suchen.

Aber kann man überhaupt jemals im Leben ankommen? Es scheint viemlehr so, als käme man nie an, nicht mit 30, nicht mit 40, nicht mit 60. Jedenfalls nicht, wenn man materielle Werte als Maßstab nimmt, und das ist es, was sie alle tun um mich herum: Sie wollen Ehe, Kind, Haus, Baum, Auto, Urlaub, Karriere, noch ein Auto, noch ein Kind und sich dabei die Sorglosigkeit ihrer Teenagerjahre bewahren. Was sie bekommen, ist: Ehe, Kind, Haus, keinen Sex, Streit, keine Zuneigung, eine Flaute im Job, und es geht immer so weiter, ohne dass sie nach innen schauen, in ihre Herzen, und dort suchen, was sie außen nicht finden.

Sonntag, 27. April 2008

Hui Buh

maske500

Der Zahn der Zeit nagt, weshalb ich mir nun jede Woche, immer sonntags nach dem Fitti, eine "Anti-Fältchen-Sofortmaske mit Soja-Protein und Ginseng-Extrakt" mache - "für straffe und reine Haut ab 30". Es ist ja jetzt soweit.

Bevor ich derartige Produte anwende, lese ich mir immer genau durch, was sie mit mir machen. So kann ich die richtige Wirkung durch intensive Autosuggestion herbeiführen. Mein Color-Saver-Shampoo zum Beispiel hat eine "Lumi-Protect-Formel", schließt die Farb-Pigmente ein und lässt das Haar erstrahlen. Himmel, was ist mein Haar danach immer glänzend und geschmeidig! Hamma.

So auch meine Haut. Zauberzart ist sie nun. Noch drei oder vier Anwendungen, und ich sehe jünger aus, als ich jemals war.

Kaffeeklatsch

Für mich ist Set...
Für mich ist Set so ein Spiel. Als Farbenblinder...
theswiss
mh, das mit Trivial Pursuit...
mh, das mit Trivial Pursuit kenne ich auch. Spielt...
Erzangie
eben. außerdem...
eben. außerdem wäre es fader betrug, schlechter...
Sun-ray
mmm .. tolle Auswahl...
mmm .. tolle Auswahl an Spielen. Fehlen nur noch Malefiz,...
theswiss
Wer denkt denn ans Nichtgewinnen?...
Wer denkt denn ans Nichtgewinnen? ... dann nehme...
nessy

Keks dazu

“Was am Führen eines untadeligen Lebens so viel Spaß macht, ist, dass man sich so viel darauf einbilden kann.”

T9
Aktuellstes, dem Telefonino beigebrachtes Wort: zickig

Mood

Soundcafé



Kundschaft

Kaffeemühle

 

Pächter

Im Geschäft seit 858 Tagen.
Letzte Bestellung: 11. Mai, 22:46

Hinterzimmer
Ich brühe Ihnen gerne persönlich einen Kaffee auf: die.liebe.nessy [bei] gmail [punkt] com

Formalitäten der Verköstigung
Lieber Kaffeehausgast, Sie dürfen die Inhalte dieses Blog nicht ohne meine Erlaubnis vervielfältigen, verbreiten und öffentlich aufführen. Ich distanziere ich mich von denjenigen Inhalten dieser Website, die ich nicht selbst produziert habe. Kommentare mit werblicher Absicht sind kostenpflichtig. Pro Kommentar stelle ich eine Pauschale von 600 Euro (zzgl. MwSt., Anwaltkosten und Bearbeitungsgebühr) in Rechnung.

15 Fragen
Arbeitswelt
Aus dem Leben
Bildungsburger
Literarisches
Milchwoelkchen
Politik
Rätsel der Konsumwelt
Sport & Spiel
Vom Leben gezeichnet
Weltenbummler
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren