Morgens bin ich unleidlich. Am liebsten mag ich Ruhe, Stille und Schweigen. Alle Bemühungen um mich und meine Morgenlaune sind ihre Anstrengung nicht wert. Gespräche, vor allem aufgezwungene, sind mir zuwider. Wenn man in einem Mehrfamilienhaus wohnt und morgens die Zeitung hochholen muss, ist es allerdings nicht immer möglich, jeglicher Konversation zu entgehen. Der
Oberinspektor lauert bereits in den frühen Morgenstunden im Hausflur, um just, wenn ich meine Wohnung verlasse, zu seinem täglichen Spaziergang zum Büdchen aufzubrechen. Was mich dann erwartet, spottet aller Vorstellungskraft: Da wird geredet und gefragt, erzählt und berichtet, die Nachkriegszeit wird vor meinen Augen lebendig und über die neuen Nachbarn weiß ich binnen weniger Minuten alles von den Einkaufsgewohn-
heiten bis zum Musikgeschmack. Einsilbiges Brummen meinerseits nützt als Gegenmittel wenig. Und so kommt es, dass ich manche morgendliche Minute hinter meinem Guckloch lauere, bevor ich die Zeitung hochholen kann, während der Inspektor vor meinen Augen ein unschuldiges Opfer wortreich zutextet und ich darauf warte, dass er von ihm ablässt. Erst, wenn seine Worte im Flur verklungen sind und die Haustür ins Schloss gefallen ist, öffne ich die Wohnungstür einen Spalt, spähe hinaus und husche wie Paulchen Panther die Treppen hinunter, um mir die Zeitung zu schnappen. Dumm nur, wenn mir beim Gang zurück zur Wohnung der
Unterinspektor entgegen kommt. Der geht nämlich beim Oberinspektor in die Lehre und hat schon viel gelernt.