In der Nachbarschaft meiner Großeltern lebte ein Mann, den alle "Onkel Ferdinand" nannten, obwohl er niemandes Onkel war. Onkel Ferdinand führte ein Doppelleben: Unter der Woche ein Rentner mit einem Faible für Zuchtrosen, mutierte er freitagsabends zu einem alten Schwerenöter. Zeit seines Lebens zog er dann - nur freitags - um die Häuser und durch die Kneipen und becircte fremde wie bekannte Frauen. "Eine Stumme im Bett ist besser als eine Taube auf dem Dach", sagte er immer.
Er nahm nicht nur das Leben locker und mit verschmitztem Grinsen bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Umgebung auf den Arm, sondern verfuhr auf gleiche Weise mit Sprichwörtern. Uns Kindern machte das Angst, wussten wir doch nie, wann Onkel Ferdi etwas ernst meinte und wann nicht. Ein Gespür für Ironie hätte mir geholfen, war in meiner Onkel-Ferdinand-Zeit allerdings leider noch nicht ausgeprägt.
Samstagsmorgens kehrte er stets den Bürgersteig vor seinem Haus. Samstagsmittags löffte er einen Teller Milchsuppe mit Maggi, und samstagsabends schlurfte er mit Wanderstock und Karohut in die Kirche, um um die Vergebung seiner Sünden zu bitten. Dabei wusste er: "Im Alter nützt auch Torheit nichts" und war sichtlich geknickt, wenn der Pfarrer ihn wieder gescholten und gedroht hatte, vom standesgemäßen Besuch zu seinem 85. Geburtstag abzusehen.
Onkel Ferdi hatte nicht nur Freunde. Er hielt nichts davon, jemandem etwas "durch die Bluse" zu sagen - höchstens vielleicht der blonden Alleinerziehenden aus Haus Nummer fünf. Verheiratet war er übrigens nie: "Ehe, wem Ehe gebührt".
Sein Ableben war plötzlich: "Man hat's nicht leicht, aber leicht hat's einen." Sein Standardspruch bei jedem unverhofft eintretenden Ereignis. War er eigentlich vor der Rente Versicherungsvertreter? Ich weiß es nicht.