Wenn ich im Sommer bei brütender Hitze in meinem Jugendbett auf dem Spitzboden lag, die Fenster geöffnet in der Hoffnung, dass ein Windhauch das Zimmer abkühlen möge, habe ich mit wohligem Abstand zur Welt die nächtlichen Geschehnisse erlauscht.
Wir wohnten in einer Sackgasse. Mein Gehör war geschult, so dass ich an Motorengeräusch, Fahrweise und Halteort der einbiegenden Autos erlauschen konnte, wer heim kam. Der Freund der Nachbarstochter hatte einen kaputten Auspuff, der Banklehrling Jürgen mit der rotwangigen Mutter fuhr Käfer, der Klempnermeister parkte seinen Bulli halb auf dem Bordstein und das leise, sonore Rauschen stammte vom Mercedes der Dessousverkäuferin, deren Mann wie ein Gartenzwerg aussah. Still lag ich da und schlief über die Geräusche ein.
Mit meinem ersten, richtigen Freund änderte sich meine Wahrnehmung der Nacht. Die Klänge der Nachbarschaft waren nur noch eine bescheidene Hintergrundmelodie für den Auftritt des sehnsuchtsvoll Erwarteten. Aus den Protagonisten der Dunkelheit wurden falsche Fährten; jedes Geräusch enttäuschte, wenn es nicht das erhoffte war.
Abend für Abend lag ich nun wach, erträumte mir Gegenwart und Zukunft und wartete auf das Röhren seines alten Kadetts. Ich hatte gerade Abitur gemacht, lebte in den Tag und die Nacht hinein. Er wartete ebenfalls auf den Studienbeginn. Tageszeiten waren nicht mehr als Anhaltspunkte in unserem Leben. Wir kamen und gingen, sahen und küssten uns ohne Verabredung und Verpflichtung.
Knatternd bog er durch die dunkle Nacht in unsere Straße ein. Ich hörte das zarte Quietschen der Reifen, die sich gegen die Kante des Bürgersteigs rieben. Eine Sekunde nur lief nach dem Parken der Motor noch, dann machte er ihn aus. Das Anziehen der Handbremse. Ein Schmatzen, wenn er die Fahrertür öffnete und ausstieg, dann Türenknallen. Pause. Schritte vor der Haustür. Ich war bereits hinunter gehuscht, die Treppe hinab und den Flur entlang, barfuß meist, das Tapsen nackter Füße auf kalten Fliesen, und erwartete ihn, damit er nicht klingelte und meine Eltern weckte.
Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, nahm ihn bei der Hand, und wir schlichen zurück auf den Dachboden, wo wir für nichts mehr Ohren hatten als für das leise Flüstern des anderen.