Manchmal gehe ich zum Bücherregal, nehme ein Buch von einem der Bretter, schlage es auf und lese mir laut vor. Manchmal ist es ein deutsches Buch, und ich lausche mir selbst, weil die Wörter, die ich lese, so schön sind und ihr Sinn so wunderbar. Oft ist es kein Buch in deutscher Sprache und meist lese ich zwei oder drei Seiten, dann stelle ich es zufrieden wieder zurück und fahre fort mit dem, was ich gerade getan habe. Ich lese, damit mein Mund den fremden Zungenschlag nicht vergisst. Ich lese auch, um mich der vielen tollen Wörter und Wendungen zu erinnern, die es in anderen Sprachen gibt. Es sind Sprachen, die ich einige Jahre lang studiert habe, oder Sprachen, die ich viele Jahre lang gelernt habe. Viele kann ich kaum mehr aktiv sprechen, was mich wurmt. Nur die Gewissheit, dass die Fähigeit nach einigen Tagen im betreffenden Land wie von Zauberhand wiederkommen wird, tröstet mich.
Ein halbes Jahr lang habe ich mal Japanisch gelernt. Aber das Einizige, was ich noch sagen kann, sind Sätze, die keinen Sinn ergeben ("Ich bin ein kleines Feuerwehrauto"), Sätze, die ich nie wieder brauchen werde ("Ich bin mit der U-Bahn zur Uni gefahren") und Sätze, mit denen ich mir bei Begegnungen mit Muttersprachlern keine Freunde mache ("Komische Ausländer hier"). Den letzten Satz habe ich zweimal zur Anwendung gebracht: auf dem Münchener Rathausplatz und in der Warteschlange von Schloss Neuschwanstein. Beide Male schwankten die Reaktionen zwischen freundlicher Irritation und offener Feindseligkeit. Es war ein hübsches Experiment, aber es war schnell ausgereizt. Einmal, in China, gingen Herr Nessy und ich die Straße entlang, und ich sagte: "Guck, eine Geburtsklinik." Die Zeichen von "Frau" und "Kind" hingen in Leuchtschrift am Gebäude. Wir bogen um die Ecke, und tatsächlich: Es handelte sich um ein "Women's Hospital." Diese Momente sind es, die die Menschen beeindrucken. Diese Momente sind es auch, in denen ich weiß, dass meine Fähigkeiten gnadenlos überschätzt werden, was mich wiederum nervös und unruhig macht. Denn überschätzt zu werden ist schlecht. Unterschätzt zu werden hingegen gut. Daran bin ich gewohnt. Darin bin ich gut.
Nächste Woche nun habe ich die Aufgabe, Russen zu bespaßen, und wieder nervt mich das, was mich immer nervt: dass ich viel verstehe, aber wenig sagen kann. Was das Russische angeht: dass ich gar nichts sagen kann abgesehen von "danke", "bitte" und ein paar andere Floskeln, auch wenn ich mir selbst Russisch vorlesen kann - allerdings ohne zu wissen, was ich lese. Die Russen werden sich freilich freuen über meinen bescheidenen Wortschatz - die Menschen freuen sich immer, wenn sich Leute in ihrer Sprache probieren. Trotzdem ärgere ich mich über all die Jahre, die ich habe verstreichen lassen, ohne Russisch zu lernen. Gelegenheiten hat es genug gegeben.