Alleine zu reisen ist eine seltsame Sache. Denn es bedeutet, unter Beobachtung zu reisen. Ein Gefühl, das sich in Begegnungen spiegelt - in einem Ferienort, der einzig bevölkert ist von Familien und älteren Ehepaaren.
Nehmen wir die Rezeption meines Hotels. Ich komme an. Hinter dem Tresen steht eine stabile, blondgraue, in jeder Hinsicht dienstbeflissene Empfangsdame klimakterischen Alters. Ich nenne meinen Namen und dass ich reserviert habe. Sie weiß sofort Bescheid: "Ah, das Einzelzimmer!" Ja, sowas merkt man sich hier.
Wir erledigen die Formalitäten. Sie verweist direkt auf das Veranstaltungsprogramm des Ortes ("Falls Sie mal Unterhaltung brauchen.") und schaut mitleidig. Dabei bin ich doch gerade hier, um keine Unterhaltung zu haben. Ich möchte nur sein.
Am nächsten Morgen das Frühstück. Ich suche mir am Buffet die schönsten Sachen aus - Saft, Lachs, ein Croissant, Himbeermarmelade -, setze mich und schlage mein Buch auf (es ist Urlaub, ich mag keine Zeitung lesen; alles, was außerhalb meines Erholungskosmos geschieht, betrifft mich erst in fünf Tagen wieder). Das ältere Ehepaar vom Tisch gegenüber schaut interessiert. Oder nein: Es starrt. Es taxiert mich von den brombeer lackierten Zehennägeln bis in die blonden Haarspitzen (die Menschen fangen nach einem ersten flüchtigen Blick immer unten an, immer), beäugt mich beim Marmelade-aufs-Hörnchen-Streichen und möchte mit Stieren und sich Vorlehnen herausfinden, was ich lese. Immer ist es sie, die sich zu ihm beugt, ihm zuflüstert, zu mir schaut und weiterflüstert ("Sie ist allein ... dabei sieht sie gar nicht aus, als müsste sie alleine reisen ... aber bei den jungen Menschen heutzutage ... alles Individualisten ... wollen sich doch nicht mehr binden ...").
Die Familien schauen manchmal missliebig ("Wir! plagen uns mit deinen! Rentenzahlern ab!"), sie aber auch gerne mal neidvoll ("Nur einen Tag tauschen, einen Tag!"), er so gut wie immer interessiert ("Oh ... schön ... mmmmh ... eine allein Reisende ... ungebunden, bedürftig, ausgehungert ... denk an was anderes!").
Im Chinarestaurant werde ich gar nicht erst bedient. Die kindhafte Kellnerin huscht Mal um Mal an mir vorbei. Es scheint, als warte sie darauf, dass in Kürze die komplette Festgesellschaft eintrifft oder zumindest ein Rendezvous; erst dann wird sie die Karte bringen, das gebietet die Höflichkeit - nur dass ich auf niemanden warte und sie es deshalb auch vergebens tut. Ich stehe auf und gehe.
Beim Italiener kommt immerhin ein Kellner. "Möchten Sie hier essen?" fragt er. Nun ja, wonach sieht es aus? Würde ich meine Wäsche bringen, hätte ich einen Korb dabei.
"Ja", antworte ich.
"Sind Sie allein?" fragt er.
Nein, ich habe meinen Freund dabei. Hach, eine ganz doofe Geschichte. Er hat sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen, seitdem ist er unsichtbar. Die Nebenwirkungen - von denen hört man ja dieser Tage allerhand. Aber dass es so schlimm wird ... jedenfalls ... er sitzt mir gegenüber. Dumm nur, dass er sein Portmonee in der Tasche hatte, als er die Spritze bekam ... das ganze Geld ist jetzt auch unsichtbar. Aber das soll sich nach zwei, drei Tagen wieder geben, dann können Sie's ganz normal verbuchen. "Ja", sage ich.
"Soll ich Ihnen also die Karte bringen?" fragt er.
Nee, lassen Sie mal. Mein Freund und ich gehen einfach zum Kühlschrank und schauen, was wir so finden. Kein Ding. Machen wir zu Hause auch. Nur keine Umstände. "Sehr gerne", sage ich.
Alleine zu reisen ist wirklich eine seltsame Sache.