Die Zwei-Prozent-Nase
Es gab eine Zeit, in der ich mich fragte, wie die Überraschungen in die Nutella-Deckelchen kommen - bis ich sie selbst hineinlegen durfte. Drei Wochen lang, Ferienjob. 12.000 Stück fuhren in einer Schicht an mir vorbei, das habe ich ausgerechnet, solange mein vom Akkord abgestumpftes Hirn es noch konnte. Es war August 1997, in der Werkshalle 40 Grad, und die verfi blöden Schlumpf-Buttons klebten ohne Rücksicht auf die Bandgeschwindigkeit arbeitnehmerfeindlich aneinander. Als ich an der Nuttelladeckelmaschine nicht mehr gebraucht wurde, wechselte ich zu den Ferrero-Plastikschachteln, danach zu den Onken-Quark-Deckelchen und zuletzt zur Qualitätskontrolle bei den Honigglass-Deckeln. Doch davon möchte ich gar nicht erzählen, denn eigentlich geht es heute aus gegebenem Anlass um einen Studentenjob, den ich nicht bekommen habe. Begründung: Ich hätte eine Zwei-Prozent-Nase. Es trug sich im Sommer 1999 zu, ich war seit zwei Jahren im Studium und brauchte Kohle. Immer bemüht um gutes Geld bei wenig Aufwand, landete ich beim Landesumweltamt NRW, welches Nasen für Geruchstests suchte. Wenn sich Anwohner etwa wegen des vehementen Gestanks von Wurstwaren über die benachbarte Metzgerei beschweren, werden stets Durchschnittsnasen zum Probeschnuppern an den fraglichen Ort geschickt, um festzustellen, ob die Emissionsrichtlinien eingehalten werden. Der entstehende Aufwand sollte mit galaktischen 25 Mark pro Stunde abgegolten werden - da war ich natürlich am Start. Bevor es jedoch so weit war, musste ich einen Einstellungstest bestehen, um festzustellen, ob meine Nase auch durchschnittlich genug für den Job war. Verstopfte Zinken nützen der Behörde schließlich wenig. Angekommen am Landesumweltamt, steckte man mich und zwei andere Kandidaten in einen Container mit Tischen vor uns, heraus guckte ein Schlauch, an den wir unsere Nasen legten. Es folgten 20 Proben - je zehn mit Schwefelwasserstoff und zehn weitere, die nach Edding rochen, jeweils in unterschiedlichen Dosierungen. Darunter waren insgesamt vier Nullproben, damit man nicht schummeln konnte, wenn man sagte "rieche ich" oder "rieche ich nicht". Als ich am Ende des Riechspektakels aus meiner Zelle trat, um das Ergebnis zu hören, erwartete mich ein Gesichtsausdruck freudiger Ergriffenheit: "Frau Nessy", sagte er, "das ist ja fantastisch! Sie haben eine Zwei-Prozent-Nase! Sowas habe ich in meiner gesamten Karriere noch nicht erlebt! 98 Prozent der Bevölkerung riechen schlechter als sie! Wahnsinn!" Ich hatte alles richtig gerochen, eine scheinbar unmenschliche Leistung, nur sein Hund rieche besser, sagte der Tester. Was ihn in Entzückung versetzte, freute mich gar nicht, denn der Job war damit an jemand anderes vergeben, schließlich stinkt es für mich an allen Ecken - dank meiner Zwei-Prozent-Nase.
nessy - 13. Apr, 17:16
