Nessy im Interview
Seit wann bloggst du, und wie kam es dazu?Seit dem 4. Januar 2006. Aus Neugier und Experimentierfreude. Ich wollte wissen, wie Blogs funktionieren - inhaltlich und technisch. Aus diesem Grund habe ich ein Blog eröffnet. Ich brauchte einige Zeit, um meinen Stil zu finden, doch das Blog wurde schnell zum Selbstläufer. Ich hatte eine Möglichkeit, Nichtigkeiten, die ich im Alltag erlebe, die aber nirgendwo anders Platz finden, unterzubringen. Das Blog ist Rückzugsort und Ablenkung wie für andere Leute der Fernseher.
Was schreibst du?
Belanglosigkeiten des Alltags. Beobachtungen. Geschichten aus dem Leben. Was ich auf der Straße gehört oder gesehen habe. Erlebnisse, die für mich eine gewisse Grenze der Privatheit nicht überschreiten. Die jeder erlebt haben könnte. Die Geschichten sind auf eine schöne Art und Weise alltäglich, sodass jeder sich darin wiederfindet. Je persönlicher es wird, desto bewusster formuliere ich und desto bewusster gebe ich Informationen preis. Meistens erfüllen die Beiträge dann einen Zweck, das heißt, ich möchte zu einer bestimmten Sache Feedback haben. Kommentare von Lesern bekommen, um daraus schlauer zu weden. Ein bisschen eine kathartische Funktion. Ich denke, das Persönliche ergibt sich aus der Gesamtheit der Beiträge. Wer sich die Mühe machen sollte, mein Blog von vorne bis hinten zu lesen oder es regelmäßig verfolgt, bekommt einen doch recht guten Eindruck von "Nessy".
Du bist also nicht "Nessy"?
"Nessy" ist eine Figur, in der zwar viel von mir steckt, aber sie bleibt eine Figur, sie repräsentiert nicht unbedingt meine Persönlichkeit. [Anmerkung: Weil ich mehr bin, als die Nessy, die sich im Blog zeigt. Der Blog komprimiert einige meiner Eigenschaften, lässt andere dafür aber außen vor. Ich bemühe als Vergleich gerne die Unterscheidung zwischen dem Autor und dem Erzähler in einer Autobiographie, der mir ganz passend erscheint.] Aber ich mache mir nichts vor: Wer herausfinden will, wer "Nessy" ist, bekommt es heraus.
Wo ist die private Grenze?
Die Grenze beginnt für mich dort, wo ich für Unbekannte identifizierbar werde, mich vor allem emotional angreifbar mache oder die Privatsphäre Dritter verletze. Es gibt zwar Fotos in meinem Blog, jedoch keine Fotos, auf denen mein Gesicht zu erkennen ist. Private oder berufliche Belange bleiben außen vor. Das ist auch nicht der Zweck meines Blogs. Ich möchte niemanden mit meinen Problemen belästigen.
Wie wichtig sind dir die Kommentare deiner Leser?
Kommentare sind mir eminent wichtig. Sie machen das Bloggen erst interessant. Es ist wie Small Talk, aus dem ein ernsthaftes Gespräch oder eine Diskussion erwachsen kann. Es ist ein Geben und Nehmen. Als Blogger erzähle ich Geschichten, gebe ein Stück von mir. Die Kommentatoren geben mir etwas zurück.
Hat das Blog Einfluss auf dein Leben?
Es hat insofern Einfluss auf mein Leben, als sich mit einigen Kommentatoren eine enge Bekanntschaft entwickelt hat - über das virtuelle Leben hinaus. Außerdem erweitert sich der Horizont. Nicht nur, weil einige Kommentare zum Nachdenken anregen, sondern weil ich durch das Bloggen selbst viel mehr Blogs lese. Auf diese Weise erfahre ich mehr aus dem Leben von Menschen, die in Afrika arbeiten, in Spanien studieren oder in England promovieren. Das sensibilisiert für andere Blickwinkel.
Was ist negativ am Bloggen?
Man verliert schnell den öffentlichen Charakter von Blogs aus dem Blick. Vor der Veröffentlichung jedes Beitrags rufe ich mir diese Tatsache ins Gedächtnis und überprüfe den Beitrag, ob er nicht zu privat ist.
Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung,
Wochenendbeilage "Der 7. Tag" vom 24. März 2007,
Copyright: Georg Patzer, veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung
Wochenendbeilage "Der 7. Tag" vom 24. März 2007,
Copyright: Georg Patzer, veröffentlicht mit seiner freundlichen Genehmigung
nessy - 26. Mrz, 11:37
