Kirchenreform
Firmung. Inge und ich haben ein heidnisches Duo gebildet. Ich: wenn überhaupt irgendwas, dann leidenschaftlose Evangelin. Sie: seit 20 Jahren nicht mehr in der Kirche und orientierungslos. Dann das Glaubensbekenntnis: Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria undsoweiter undsoweiter. Ich schweige still, bin ja eine Abtrünnige, muss das nicht mit aufsagen. Inge bemüht sich redlich, in ihrem Gedächtnis Wortfetzen zusammenzuklauben, um sie im richtigen Moment anzubringen. Schließlich wird ihr Patenkind gefirmt, da will sie alles geben und schon gar nicht Schuld sein, wenn wegen ihrer Fehlleistung göttliches Unglück über das Mädchen hereinbricht. Die Gemeinde leiert "Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden ..." Inge brummt, schweigt und brummt weiter. Wenn es doch nur einen Refrain gäbe, zu dem sie einsetzen könnte. Am Ende: Amen. Das kennt die Inge. Das kann sie mitsprechen. Etwas zeitversetzt und ein wenig zu inbrünstig, als wolle sie einen Ausgleich zu ihrer mangelnden Textsicherheit schaffen. Eine Matrone in Pailettenbluse dreht sich verstohlen zu uns um. Auf der Bühne geht das Programm weiter. Inge blickt mich nachdenklich an. "Das Vater Unser war vor 20 Jahren auch mal anders."
nessy - 7. Mai, 21:12
