Bestürzung

Ich lese mit Bestürzung, welche Züge die Diskussion über den Tod deutscher Soldaten in Kunduz in den Kommentaren bei WELT ONLINE annimmt.

Zitate auszugsweise:
  • "Mitleid? Mit zum Morden bereiter Soldateska? Nicht das geringste!"
  • "Besatzer wurden dort schon immer massakriert. [...] Nur die dummen Kälber wählen sich ihre Metzger selber."
  • "Eigentlich sind viel zu wenig deutsche soldaten gestorben."
  • "Wir sind mit unseren Kanonen da hin gegangen und haben die gerechte Antwort bekommen. Wer will sich da beschweren?"
  • "...welcher halbwegs vernünftige Bundesbürger geht 1. zur Bundeswehr und 2. auch noch freiwillig auf Auslandseinsätze?"
  • "Das unsere Soldaten von einer Verteidigungsarmee zur Folter- und Mördertruppe der Amerikaner aufgeschlossen sind, halte ich für keinen Fortschritt. Meinetwegen sollen sie doch die ganze deutsche Truppe in Afghanistan in die Hölle sprengen. Sie haben es verdient. Soldaten sind zum Töten da und nicht um zu helfen. Insbesondere, wenn sie in fremden Ländern sind. Kein Mitleid mit diesem Bodensatz der Gesellschaft."
  • "Dem "Soldaten sind Mörder" von Kurt Tucholsky gilt es nichts hinzuzufügen. Trauer für diesen Menschenschlag, kann ich nicht entwickeln."
  • "Mitleid für (potentielle?) Mörder? Ganz einfach, laut und deutlich: NEIN! Den Abschaum, der bereit ist aus politischer Motivation andere Menschen zu töten, nach Hause holen? Bloss nicht. Sie sollen dort unter bleiben und dort sterben."
Die Redakteure löschen derzeit im Minutentakt.

Man kann unterschiedlicher Auffassung über die Sinnhaftigkeit des Afghanistan-Einsatzes und über den Soldatenberuf als solchen sein. Aber mit welcher Vehemenz, in welcher Fülle und mit welcher Verachtung gegenüber den Menschen, die dort Dienst tun, Meinungsäußerungen über die WELT hereinbrechen, tut weh. Es sind Äußerungen, die ich - mit weniger Wucht, aber dennoch - auch im Alltag oft höre. Das ist sehr konsternierend und, wie mir scheint, ein Zeugnis dessen, dass die Deutschen auf dem Fundament ihrer Vergangenheit trotz der gelebten Wirklichkeit von Frieden schaffenden Einsätzen noch kein neues militärisches Selbstbild aufgebaut haben.

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