Visionen

Zeitung und Fischeinwickeln gehörte bislang zusammen. Haptik heißt das Stichwort oder - ich sag's mal so: Druckerschwärze an den Fingern, Rascheln in den Ohren und Lektüre auf dem Klo. Die gedruckte Zeitung stirbt nie, darüber sind sich die großen Zeitungshäuser einig, doch es scheint, als flüsterten sie sich diese Botschaft gerne selbst ins Ohr, in der Hoffnung, es werde eine sich selbst erfüllende Prophezeiung daraus.

Stick with ink and sink ruft es von den Dächern. Die Stimmen, die der gedruckten Zeitung ein baldiges Ende prophezeien, werden lauter, und die Investitionen der Verlage in ihre Internetangebote und mobile Services sind unübersehbar. Emily Bell, Title-Editor in Chief bei Guardian Unlimited, sagte schon 2003:

"There will have been an essential shift in how people consume written journalism. And it'll be a shift to online. Things will be much more in real time and the newspaper product will end up being still extremely relevant, but the way that most people consume it will be online."

Ich hingegen wünsche mir eine andere, zusätzliche Möglichkeit des Konsums. Ich fiebere nämlich dem Einsatz von e-ink-Geräten beziehungsweise flexible displays entgegen. Ich möchte eine tragbare multimediale Zeitung, gespeist aus aktuellen RSS-Feeds, überallhin mitnehm- und aufklappbar.

Ich möchte mein E-Paper-Gerät morgens mit meinem Rechner oder mobilen Stationen im Bahnhof verbinden und mir meine eigene Zeitung zusammenstellen: den Politikteil des Tagesspiegels, das Feuilleton der Süddeutschen, die Lokalseiten der WAZ, die Familien- und Todesanzeigen aus meiner Heimat, den NRW-Teil der taz, den Sport der BILD, einen Kommentar aus der FAZ, einen zweiten aus der Frankfurter Rundschau, eine schöne Reportage noch dazu und das Ganze gewürzt mit ein bisschen "Wahrheit". Vielleicht möchte ich auch mal Ausland - im Original, versteht sich. Fertig ist meine Zeitung - jeden Tag neu, ausgehend von Themenlage, Interesse und verfügbarer Zeit.

Natürlich würde ich dafür bezahlen, für jeden Baustein einzeln. Die Zeitungen könnten dadurch endlich einmal feststellen, welche ihrer Inhalte gelesen werden - bislang trotz Blickverlaufsmessung und ReaderScan eine große Black Box - und gezielter an Qualität und Angebot arbeiten. Ich könnte mich mit meiner Zeitung auf mein Sofa legen, ich könnte sie mit in die Bahn nehmen, die gekauften Artikel über den Tag aktualisieren und Ausschnitte aus der CD hören, deren Rezension ich gerade lese. Und am Ende bräuchte ich nicht einmal Altpapier wegbringen.

Eine Utopie, noch.

Du würdest es spätestens bei deinem nächsten Umzug bereuen. Dann gibt's nämlich nur noch Papier bei Ebay, in Kilobündeln.

Eine Utopie, noch.

Dafür gibt's ja noch die Anzeigenblättchen. Die sterben bestimmt so schnell nicht aus.

Und ich hoffe die kann man dann auch in der Sonne lesen, der Akku geht nie aus und ZeitungOS ist NICHT von Micros0ft.

Es gibt doch schon so Displays, die man in der Sonne lesen kann, oder? Mal nicht so negativ. Ausgefeilte Technik setze ich voraus und wird's wohl in ein paar Jahren geben. Würd' mich nicht wundern, wenn Apple sowas aus dem Hut zaubert.

Eben daran wird es noch die nächsten Jahre haken. Aber man scheint auf dem reichtigen Weg dorthin.

Blöd nur, dass man wesentlich vorsichtiger mit dem Ding sein muß, damit kein Feuer anzünden sollte und auch den Fisch eher anders wickeln sollte.

Übrigens wäre ich eher unfroh wenn ich wüsste, dass jemand nachvollziehen könnte was ich wann wie lange gelesen und betrachtet habe. Und ich meine nicht unbedingt die leichtbekleideten Damen von BILD-Seite x. Datensammler ahoi!

Ich muß gestehen, daß ich Nachrichten inzwischen wirklich so gut wie nur noch am Bildschirm lese, und der kleine Apfel ist auch klein genug um ihn überall mithinzuschleppen... insgesamt nicht unhandlicher als ein Buch dabeizuhaben. Jetzt muß sich nur noch kostenloses WLAN flächendeckend durchsetzen.

@Dagger: Wenn Du online Nachrichten liest, wissen die Redaktionen eh schon, was Du nachfragst und was nicht. Also nicht Du in Person mit Deinen persönlichen Daten, aber wie viel und wann welcher Artikel angeklickt wird, weiß man schon.

@Virtualmono: Das Gleiche beobachte ich bei mir auch. Ich lese das Meiste online. Mittlerweile gibt es ja nicht nur Agenturmeldungen, sondern viele Meinungs-, Hintergrundartikel und Reportagen online, dazu Audio- und Videomaterial. Das war ja nicht immer so.

Frau Nessy, ja sicher doch. Aber das Internet lässt schon noch etwas anonymer nutzen (Internetcafés, Unis, ggf. Anonymisierungsdieste usw.). Und wer vor dem Bildschirm wirlkich wie lange an einem Artikel gelesen bzw. eine Webseite betrachtet hat lässst sich ja wie gesagt nicht wirlkich sagen.
Personalisierte Startseiten und Zeitungen gibt es ja auch im Internet. Und die sind dann doch schon etwas vergleichbar.

Für einen mobilen Zeitungsartikel ist durch den Kauf und Abrechnung wohl schon recht gut festgelegt, wer Interesse an dem Artikel hat.

In der heutigen Zeit sind PDA's noch ganz praktisch. Die sind leicht, haben ein größeres Display als Handys und mit denen lassen sich auch noch andere Dinge prima machen (z.b. Musik hören etc.). Dafür haben sie wie Notebooks noch so ihre Probleme mit direkter Sonneneinstrahlung, aber für die UBahn reichts allemal.

Übrigens gibts für die Dinger auch RSS Reader, somit ist deine Vision schon heute ein klein wenig Realität, wenn man das biegsame Display mal aussen vor lässt.

@Nessy: Ja, die Zunahme der Bandbreite hat uns einiges an Mehrwert in dieser Beziehung gebracht. Allerdings wird es für den Einzelnen damit auch immer schwieriger, aus der Masse der Informationen die wirklich wichtigen herauszufiltern
@Daniel: PDA ist nichts halbes und nichts ganzes. Du hast - blödsinniger Modegag, bei den "großen" HP gab es das früher noch - keine Tastatur und tippst mit diesem blöden Stift auf dem Touchscreen rum, das Display ist für vernünftiges Surfen viel zu klein und ein richtiges OS läuft darauf auch nicht (OK, ein abgespecktes Linux vielleicht... oder OSX auf den iPhone). Ich mag meinen Blackberry zwar ein klein wenig (und der hat immerhin eine Tastatur), weil er mir ab und zu unterwegs nützliche Dienste leistet wenn ich Bereitschaft habe (so geschehen erst am Freitag, wo ich ein kleines Problemchen dann lösen konnte ohne erst das Dinner bei meinem Lieblingsitaliener zu unterbrechen), aber für mehr als Notfälle - nein danke.

Letztendlich träume ich ja noch von dem Ultra-All-in-one-Gerät. Aber ob es das jemals geben wird? Was ich mir zu meinem einfachen Artikellesen wünsche, ist das Abspielen von Video- und Audiofiles - allerdings nur zur Rezeption. Am liebsten ein Display, das sich ausrollen und wieder zusammenfalten lässt.

Die Vorstellung, dass es mehr kann, als nur Inhalte darstellen, ist allerdings verlockend.

@virtualmono: Wenn ich mich nicht irre geht es hier vorwiegend um das reine Lesen von Zeitungsartikeln. Und nebenbei kann man noch gut seine Termine verwalten, die man auf dem Rechner schon fertig in Outlook (mit tastatur des PCs) eintragen kann. Ansonsten hast du natürlich recht, zu viel mehr taugt das Gerät nicht.

... nichts entspannt mich mehr als einen heissen tee am morgen, wenn die kiddies noch schlafen, die frau dokter auch, und ich in ruhe durch meine zeitung blättern kann. da kann der tag nicht besser beginnen.
genauso feede ich gerne meinen browser mit spiegel online und erhalte mir die viertelstunde tagesschau am abend - auch wenn DIE nachrichten dann schon uralt sind. und die am nächsten morgen beim nächsten heissen tee schon in verwesung.
trotzdem: zeitunglesen hat und bleibt was. irgendwie.

Die Zeitung entspannt. Aber muss sie aus Papier sein? Mit so einem flexible Display kann ich mich bestimmt genauso entspannen, und das hängt auch nicht in die Butter.

Morgens beim heißen Tee geht's auch nicht um die aktuellen Nachrichten. Sondern um deren Nachbereitung.

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