Skandal! Skandal?

Nun gibt es also diese Endemol-Show, bei der eine Krebskranke eine ihrer Nieren verschenkt. Drei Kandidaten bewerben sich - einer bekommt sie. "Geschmacklos!" ruft die entsetzte Öffentlichkeit. Ja, finde ich auch. Aber warum? Das zu ergründen, ist nicht wirklich leicht. Also habe ich nachgedacht. Die Krux: Seitdem ich nachgedacht habe, finde ich es nicht mehr so geschmacklos.

Ich habe etwas überlegen müssen, bis ich darauf kam, was mich anwidert. Es ist der Allmachtgedanke. Ein Mensch stellt sich hin und richtet mit seiner Entscheidung über das Leben anderer. Ihr Zwei müsst sterben, du darfst leben. Jeder Zuschauer darf per SMS sein Votum abgeben. Jeder, der daheim auf dem Sofa sitzt, darf ein bisschen Gott spielen. Das ist das Geschäft, und das Fernsehpublikum guckt zu. Gott im Big-Brother-Format.

Während die Zuschauer ihrer Macht fröhnen, klingelt auf Macherseite munter die Kasse: Werbung und SMS-Gebühren bringen satte Einnahmen.

Was aber, wenn man das Geld für Vereinigungen wie der "Deutschen Stiftung Organtransplantation" spendete? Fände ich die Ausstrahlung dann immer noch so verwerflich? Ich ging in mich und stellte fest: Nein. Nicht mehr im gleichen Maße.

In den Niederlanden, wo die Sendung produziert wird, sind Lebendspenden erlaubt. Laut Gesetz entscheidet der Spender, wer seine Organe bekommt. Das Grundkonzept der Sendung ist also gängige Praxis, nur dass der Entscheidungsprozess mit einem Mal öffentlich stattfindet. Die Stimme des Publikums ist schlussendlich nicht entscheidend. Es zählt allein der Wunsch der Spenderin - die unter den Augen der Öffentlichkeit allerdings möglicherweise anders entscheidet, als sie es im stillen Kämmerchen täte.

Letztlich ist aber die Zurschaustellung das, was schreckt, nicht der Prozess selbst. Doch ist das Zeigen von Tatsachen skandalös, wenn die Tatsachen selbst legitim sind? Ist es nicht eher so, dass wir mit Gegebenheiten konfrontiert werden, die wir nicht sehen möchten, weil sie uns die Auseinandersetzung mit unserem eigenen Handeln - oder besser: mit unserer eigenen Trägheit, unserem mangelndem Problembewusstsein und mit der Unlust zur Reflexion - abverlangen?

Darüber hinaus führt uns die Sendung vor Augen, dass auch wir selbst uns eines Tages in einer der Rollen befinden könnten. Oder unser Partner, unser Vater, unsere Schwester, unser Kind. Möchten wir darüber wirklich nachdenken?

Die drei Kandidaten haben eine Chance von 33 Prozent, das Organ zu bekommen. Das ist eine bei Weitem höhere Chance auf ein Spenderorgan als ohne diese Sendung. 2006 standen ind Deutschland 1.259 Verstorbene für eine Organspende zur Verfügung. Sie spendeten 3.925 Organe. Implantiert wurden aber 4.032 Organe. Die Differenz wurde über Eurotransplant aus dem Ausland zur Verfügung gestellt. Wir nehmen mehr, als wir geben. Pro Jahr müssen 1.000 Menschen, die auf der Warteliste für Transplantationen stehen, sterben. Das sind fast drei pro Tag, nur in Deutschland. Nur zwölf Prozent der Europäer besitzen einen Organspendeausweis, obwohl 81 Prozent gewillt sind, ihre Organe nach ihrem Tod zur Verfügung zu stellen. Gesetzentwürfe, dass jeder Mensch potentiell Organspender ist, bis er widerspricht, werden nicht auf den Weg gebracht. Das ist der eigentliche Skandal.

Ist ein solches Sendeformat also ein Mittel, vom Zweck geheiligt? Macht es auf ein Problem aufmerksam, das die Politik wie auch jeder Einzelne, der spenden möchte, aber keinen Spenderausweis besitzt, erfolgreich verdrängt?

Nein. Denn es ist der Ton, der die Musik macht, beziehungweise das Format, das für den faden Beigeschmack sorgt. Die Entscheidung über Leben und Tod ist kein Entertainment. Man unterhält damit keine Leute und verdient damit kein Geld. Der Akt der öffentlichen Abstimmung und der damit verbundene Voyerismus verletzen die Menschenwürde.

Trotzdem: Nach längerem Nachsinnen finde ich die Sache nicht so skandalös wie die populistischen Aufschreier dieser Republik.

[Zahlenquelle: Nationaler Ethikrat]

Gute Gedanken!
Nur eine Anmerkung: Ich finde, man darf auch nicht spenden wollen. Das ist mindestens genau so wenig skandalös wie diese Sendung wenn man genau so exakt darüber nachdenkt. (Um diese Uhrzeit kann ich aber nicht mehr sehr exakt denken, deshalb sehe ich davon ab, dies jetzt weiter auszuführen.)

Natürlich muss man auch nicht spenden dürfen. Das steht außer Frage.

Doch das Signal, das von der Umkehrung der bisherigen Regelung ausgeht, wäre das richtige, nämlich: Du hast eine Verantwortung. Wir nehmen Dich in die Pflicht. Wenn Du dieser Verantwortung widersprechen möchtest, tu es, aber denk vorher darüber nach.

Der Druck, sich mit der Organspende zu beschäftigen, wächst. Sich aus altruistischen Gründen für etwas zu entscheiden, verlangt eine größere Aktivität, als einer geltenden Regelung aus innerer Überzeugung zu widersprechen. Beim Widerspruch ist die Motivation meist stärker ausgeprägt.

Dann

gehöre ich zu den Aufschreiern, weil ich - genau wie Du - finde, dass mit so einem Thema kein Entertainment betrieben werden soll, völlig fehlplatziert, keine nette Samstag-Abend-Unterhaltung, allein die Vorstellung bereitet mir Gänsehaut! Das Thema ist wichtig und verdient Aufmerksamkeit, abr ich kann es nicht gutheissen, daß tumbe Menschen sich durch so etwas UNTERHALTEN lassen sollen. Und verstehen schon gar nicht.

Verstehen kann ich das auch nicht. Allein der Gedanke, mit einer SMS über Leben und Tod richten zu wollen und die Ahnung davon, wie viele Leute tatsächlich ohne Skrupel mitmachen, weckt Abscheu in mir. Doch ich halte es bei allen Dingen und so auch bei diesem Thema für wichtig, sie auch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Selbst wenn dies die eigene Sichtweise nicht wesentlich beeinflusst, so schärft es doch den Blick und nimmt dem Standpunkt vielleicht ein Stück seiner anfänglichen Unerschütterlichkeit.

ja, was denn nun. deine argumentation ist doch gerade eine fundamentalkritik an dem format. du kannst doch nicht einerseits schreiben:

"Die Entscheidung über Leben und Tod ist kein Entertainment. Man unterhält damit keine Leute und verdient damit kein Geld. Der Akt der öffentlichen Abstimmung und der damit verbundene Voyerismus verletzen die Menschenwürde."

und dann:

"Nach längerem Nachsinnen finde ich die Sache nicht so skandalös wie die populistischen Aufschreier dieser Republik."

das ist doch ein widerspruch in sich. und warum sind alle aufschreier gleich populistisch. ich finde, das ist unzulässig verallgemeinernd.

Ich habe nicht behauptet, dass alle Aufschreier populistisch sind. Wenn ich von "populistischen Aufschreiern" spreche, meine ich nur die unreflektierten Verurteiler und nicht diejenigen, die diese Sendung begründet ablehnen.

In meinen Augen liegt nicht unbedingt ein Widerspruch in dem, was ich geschrieben habe, da ich lediglich meinen Gedankengang dargelegt habe. Ich heiße diese Show nicht gut, hinterfrage jedoch das vorbehaltlose Ablehnen. Es gibt in diesem Fall zwei Sichtweisen, die beide ihre Berechtigung haben. Ich gebe den Gegnern der Show den Vorzug, weil sie die stärkeren Argumente haben. Es ist jedoch nicht so, dass es keine Gegenargumente gibt. Sie haben meine zuvor sehr restriktive Sichtweise relativiert.

Und? Die Spenderin entscheidet so oder so, wer die Niere bekommt, ob mit oder ohne Show. Die paar SMSen decken dann noch die Unkosten (gemäss Sprecher von BNN wird ja keine Werbung geschaltet). Das Thema Organspende rückt in den Fokus, der Sender kann endlich Altlasten aufarbeiten, wo doch ihr heissgeliebter Chef vor ein paar Jahren gestorben ist, weil er keine Niere bekommen hat. Und die Zuschauer können SMSlen und sich beachtet fühlen.
Win-Win nennt man das.

Am schlimmsten finde ich die Vorstellung, daß Menschen sich tatsächlich mit perverser Begeisterung die Nase am Screen plattdrücken. BAS live. Was will man mehr?

Bei aller Ironie gegenüber dieser wirtschaftlichen Betrachtungsweise (und die Abstimmung mal außen vor lassend, denn darüber herrscht ja weitgehend Einigkeit): Die Tatsache, dass das Vorgehen - eine freiwillige Spenderin entscheidet - auch ohne Kameras stattfände, hat mich nachdenklich gemacht. Sie rechtfertig nicht die Inszenierung, aber der Gedanke, dass dieser Vorgang kein von einem Drehbuchautor geschriebener Einzelfall ist, verdient eine Auseinandersetzung.
xt600

Win-win ist ein gutes Stichwort.

Der Gesellschaft kommen die moralischen Kriterien völlig abhanden, weil heute alles in betriebswirtschaftlichen Kriterien gemessen wird, die jede mittelmässige Unternehmensberatung nach Belieben runterplappern kann.

Gut und Böse entscheidet sich in diesem Fall anhand der Anzahl SMS, die ein Schicksal generieren kann. Das ist nicht besser als ein römischer Zirkus.

Für das Spektakel in Holland werden Leute gebraucht, die so verzweifelt sind, dass sie sich mit ihrem Leid vor einem Fernsehpublikum vorführen lassen, wie es in früheren Zeiten vielleicht in einem Kuriositätenkabinett üblich war. Das ist unmenschlich. Ich möchte überhaupt nicht wissen, was die Leute bereit sein werden zu tun, um die Niere zu bekommen.

Der Sender würde gut daran tun, die Sendung abzusagen. Der Punkt für das Thema ist gemacht und die notwendige Öffentlichkeit für das Thema wurde erreicht. Das ist gut. Anschliessend kann man sich die Frage stellen, wie gesellschaftliche Themen heutzutage eigentlich behandelt werden und ob es nicht ein anderen Kultur im Umgang miteinander und mehr Sensibilität innerhalb der Gesellschaft bedarf.

Der Sender wird das natürlich nicht machen, denn es ist ein privater Fernsehsender, der ausser Einschaltquoten und den damit verbunden Werbeeinnahmen keine anderen Masseinheiten für sein Handeln hat.

kleine Anmerkung: es ist ein öffentlich-rechtlicher Sender.

Der Gedanke, die Ausstrahlung abzusagen, weil die Diskussion angestoßen wurde, gefällt mir.

Allerdings sehe ich es nicht so, dass in der Diskussion um Organspende der Mensch auf ein Ersatzteillager und den betriebswirtschaftlichen Faktor reduziert wird. Die Show läuft Gefahr, dies zu tun, aber ob die Darstellung tatsächlich so ist, lässt sich bei aller berechtigten Kritik am Grundkonzept auf dem Papier nicht endgültig entscheiden.

Wen ich allerdings zu allerletzt verurteile, sind diejenigen, die sich um die Niere bewerben. Denn ich kann nicht mit Gewissheit sagen, wie weit mich meine Verzweiflung in einer ähnlichen Situation triebe. Spontan sage ich: "Täte ich nie." Tatsächlich aber bin ich mir nicht sicher.
xt600

Dass es sich um einen öffentlich-rechtlichen Sender handelt, habe ich schlicht nicht für möglich gehalten. Es zeigt aber nochmal, dass diese Einrichtungen über simples Anpassen an den Mainstream letztlich nur ihre Daseinsberechtigung in Frage stellen. Aber das ist sicherlich ein anderes Thema.
Mukono (anonym)

Wie ist die Gesetzeslage in Deutschland?

Ich habe mal gegoogelt. Der Eindruck, der hier erzeugt wird, nur Menschen mit einem Oraganspendeausweis könnten auch Spender sein, ist falsch.

"Nach dem festgestellten Hirntod muss die Zustimmung zur Organspende eingeholt werden. Ist zu Lebzeiten keine Entscheidung getroffen worden, müssen die Angehörigen des Verstorbenen in dessen Sinne gemäß dem zuletzt mutmaßlich geäußerten Willen entscheiden"

Ich glaube auch nicht, dass durch solche Sendungen, die Organspenden sich auch nur um Milliprozente erhöhen. Das ist einfach nur die übliche Sättigung "niederer Instinkte" der Zuschauer und ekelhaft

meint

Mukono

Es ist eine Sättigung niederer Instinkte. Dahingehend stimme ich Dir zu. Was aber nicht heißt, dass das Thema keine Relevanz hat.

Ich habe keine Zahlen darüber, wie Angehörige sich entscheiden, doch es scheint nicht der richtige Weg zu sein: Wenn 81 Prozent der Menschen ihre Zustimmung zur Organspende bekunden, warum werden dann trotzdem so wenig Organe gespendet, wo doch bei einer entsprechenden Entscheidung der Angehörigen kein Spenderausweis nötig ist? Wenn ich mir überlege, wie meine Angehörigen kurze Zeit nach Feststellung meines Hirntods auf die Frage reagierten, wird mir klar, was der Grund ist. Sie würden in dem Moment nicht über meinen Willen nachdenken wollen, weil sie noch gar nicht begriffen haben, dass ich tot bin. Sie würden sich sagen: "Und wenn sie gar nicht richtig tot ist?" Und dann: "Hat sie es wirklich gewollt? Sie hat mal darüber gesprochen, aber ich bin mir nicht sicher." Es würde enden in: "Nee, lieber nicht." Andere Angehörige lehnen die Auseinandersetzung mit Sicherheit vollends ab und heben abwehrend die Hände. Die meisten sprechen wahrscheinlich nie über dieses Thema.
URi

Normalerweise ist Endemol nicht eine Sendung für Nieren-, sondern für Hirnkranke, das nur mal nebenbei. Die Aussage, dass wachgerüttelt werden soll (was zwar zugegebenermasen klappt) ist meines Erachtens nur ein Vorwand. Komischerweise erreicht man mit (Kitsch)shows mehr Leute, als mit Reportagen. Ich würde mir jederzeit eine Reportage über Organspenden ansehen, aber ich werde definitiv keine solche Show anschauen.

Und noch ein Einwand zu "Organspendepflicht, es sei denn man widerspricht": Ein (nicht zu stark hinkender) Vergleich: Vor Gericht bin ich so lange Unschuldig, bis meine Schuld bewiesen ist. Ich muss nicht meine Unschuld beweisen. Und so möchte ich auch entscheiden, wenn es um meine Organe geht. Wenn ich das möchte mache ich es, aber ich will nicht, dass es automatisch so ist und ich widersprechen muss...
Das ist natürlich nur meine persönliche Meinung...

das ist nicht überall so. In Oesterreich muss man aktiv und schriftlich Widerspruch einlegen - auch als Ausländer auf Urlaub.
Link

Allerdings sehe ich keinen Grund, der nach meinem Ableben gegen eine Weiterverwertung spricht. Ausser ich habe Angst, dass die mich absichtlich abnippeln lassen, um an meine Leber zu kommen ..

Vor Gericht geht es um die Verurteilung wegen eines Vergehens gegen Recht und Gesetz. Hier sind die Unschuldsvermutung sowie der Grundsatz "In dubio pro reo" zwingend notwendig. Der Organspende ein "In dubio pro vitae" zugrunde zu legen halte ich dagegen für menschlicher, als die Haltung einer Minderheit zum Maßstab zu nehmen, da eine Regelung "Jeder ist Organspender" offensichtlich einem bestehenden gesellschaftlichen Konsens entspricht.

@URI: Falls Du nichts dagegen hast, mir eine Mail zu schreiben, würde ich mich freuen: die.liebe.nessy [at] gmail.com

gesellschaftlicher Konsens?

Ich habe nirgendwo die Zahl gefunden, 81% der Bürger wären uneingeschränkt für Organspende. Gerade aus Deutschland las ich ganz andere Zahlen... und in Österreich, wo das Gesetz "in dubio pro Ausschlachten" existiert, bestehen europaweit mit die höchsten Vorbehalte.
Im Übrigen gibt es eine eindeutige Rechtsauffassung, und die ist wiederum tatsächlich tief im allgemeinen Bewußtsein verankert, daß eine Leiche eben nicht nur eine Ansammlung von Organen ist, mit denen man mal eben machen kann, was gefällt. Einen Leichnam ohne zu Lebzeiten gegebene Genehmigung des Verblichenen, ohne Erlaubnis der Angehörigen oder richterliche Anordnung auseinanderzunehmen ist strafbar - und das ist auch richtig so.

Eine "in dubio"-Regelung darf es in solchen Fragen gar nicht geben - der Zweifel kann doch zu schnell hergestellt werden, indem die Widerspruchserklärung mal eben verloren geht. Eine Gefahr, die gerade beim chronischen Mangel an Transplantationsmaterial nicht nur theoretisch existiert. Und wenn ich die beim Amtsgericht niederlege, und das wird dem Arzt erst sechs Stunden nach meinem Ableben bekannt - holt er dann die transplantierten Organe zurück? Daraus erwächst dann die Frage, "in wie vielen Sprachen muß ich mir "keine Organspende" auf den Bauch tätowieren lassen, damit es jeder Chirurg kapiert?

Eine intensive Beschäftigung mit diesem Thema kann nicht zu einer eindeutigen Stellungnahme kommen. Die moralische Seite dieser Sendung ist nämlich in der Tat nicht so klar, wie die "So-was-tut-man-einfach-nicht"-Aufschreie im Netz zunächst vermuten lassen.

Deshalb ist es überhaupt nicht überraschend, dass hier Überlegungen zu lesen sind, die sich teilweise zu widersprechen scheinen. Ich konnte die Gedanken jedenfalls sehr gut nachvollziehen und denke ähnlich.

Jörg

Genau das eindimensionale "So-was-tut-man-einfach-nicht" ist es, das mich zum Nachdenken angeregt hat. Schnelle, auf den ersten Blick richtige Verurteilungen sind einfach. Die Frage "Warum eigentlich?" wird hingegen zu selten gestellt und bringt oftmals überraschende Erkenntnisse zutage. Auch ich bin zu oft zu träge für eine Auseinandersetzung. "Schwarz - Weiß" ist eben verlockend. Letztendlich gibt es immer Gegenargumente, deren Relevanz in Bezug auf die eigene Meinung jeder für sich selbst abwägen muss.

Kommentar des TV-Senders BNN:

LAURENS DRILLICH, BNN CHAIRMAN, SAYING:
"We are making a program that we know is extremely controversial.
We are making, basically, an entertainment show, which is a sickening idea, we know, but we believe that reality is far worse. We've chosen this way, which is a one-time show that we don't make money with, we're not a commercial station, it's a one-time show because we want to raise awareness. [...]

Link

Danke für das Zitat. Es bestätigt mich in meiner Meinung, dass ich die Wahl der Mittel immer noch für nicht gelungen halte, dass es aber durchaus nicht reicht, vorbehaltlos auf die Moral zu pochen und die Gegenseite nicht zu Wort kommen zu lassen.

Interessante Gedanken.
Nur als Zwischenfrage: Du schreibst, dass die Spenderin eine Entscheidung öffentlich trifft, die sie sonst im stillen Kämmerlein getroffen hätte. Ist das in den Niederlanden tatsächlich so, dass man sich vor dem Tod aussuchen kann, wer die Organe bekommt?
Soweit ich weiß, bedeutet "Lebendspende", dass der Spender danach weiterlebt. Deshalb kann man auch, wieder soweit ich weiß, normalerweise - mit kleinen Ausnahmen - nur an Angehörige spenden.

Ich frage mich außerdem, ob für die Sendung - rein entertainmentmäßig - Leute ausgesucht wurden, die sich auch gut in Szene setzen lassen, oder ob es tatsächlich auch welche sind, die die Niere am dringensten nötig hätten. (Was eigentlich nicht sei kann, weil ja noch garnicht feststeht, wann die Spenderin stirbt.)

Außerdem: Warum spendet sie nur eine Niere? Könnte sie nicht zwei Leute aussuchen und einer geht leer aus? (Jetzt geht der Zuschauer-Sarkasmus mit mir durch...)

Ansonsten hoffe ich immer noch, das sich das ganze als "Schauspiel" entpuppt ganz zum Schluss der Sendung, um die Leute aufmerksam zu machen auf das Thema.

Ein Schauspiel - Du hattest den richtigen Riecher. Gratulation!

Nun, da ja raus ist, dass das alles ein Fake war, erübrigt sich die Beantwortung der Fragen. Aber eigentlich hätte sie auch beide Nieren spenden können. Und Leber und Herz und Lunge und Hornhaut gleich dazu. Stimmt eigentlich.

Dat hatte ich im Pipi.*
Ich freue mich irgendwie für das Team, das sich diese Show ausgedacht hat. Alles geheim zu halten und für einen solchen Wirbel zu sorgen bis in die Regierung hinein und auf der ganzen Welt: Hut ab! Hoffentlich haben sie die Menschen damit bewegt.

*Passt ja auch irgendwie zum Thema Nieren

habb disch ma farlingt

hallo nessy - ich habe bei dir kein normales gästebuch gefunden, deshalb nur kurz die verlinkung der verlinkung - und danke für dein blog - es macht einfach spassss.
kinderdok
http://www.myblog.de/kinderdok

Einen netten Beitrag hast Du dazu geschrieben. Herzlichen Dank!

Bin vor allem deshalb mehr als skeptisch, weil es in eine Gesamtentwicklung der (TV-)Medien passt, in der wir in einem Jahr an einem Punkt sein könnten, an dem wir darüber diskutieren, ob es in Ordnung ist, dass die Niere im Dschungelcamp vergeben und live gleich transplantiert wird.

Es ist nichts einzuwenden gegen Generierung von Problembewusstsein, Auseinandersetzung mit unpopulären oder unliebsamen Themen etc. pp. Sehr wohl etwas einzuwenden habe ich aber gegen die Subtanzlosigkeit, mit der dies geschieht, so dass es das Wort "Auseinandersetzung" eigentlich gar nicht verdient, weil es doch bloß ein Spiel mit der Schaulust der Menschen ist.

Dies mit der Rechtfertigung der "guten Sache" zu tun und sich jetzt durch das allgemeine (Medien-)Interesse darin bestätigt zu sehen nach dem Motto "Man muss heutzutage halt auch provozieren, um gehört zu werden!" ist so fadenscheinig wie eigentlich leicht zu durchschauen. Dass es aber nicht sicher zu durchschauen ist, macht es umso verwerflicher. Hier wird Auseinandersetzung mit einem ohne Frage wichtigen Thema suggeriert und es wird allgemein suggeriert, dass so Auseinandersetzung mit wichtigen Themen aussieht.

Das ist schrecklich und ein weiteres Stück medialer Niedergang.

Die Medien bedienen eine Nachfrage, und ich bin mit mir uneins, was ich verwerflicher finde: Dass die Medien sich bedingungslos dem Quotendruck beugen oder dass diese Nachfrage überhaupt existiert und solcherlei Formate eine solch große Akzeptanz finden.

Mal abgesehen von moralischen Aspekten: Big Brother, Dschungel-Camp usw. gucke ich nicht, weil es schlicht und einfach langweilig ist. Aber diese mediale Ödnis scheint ja auf eine geistige Ödnis beim Publikum zu stoßen.

Ja, die Frage nach Ursache und Wirkung ... Was war zuerst da?! Henne oder Ei?! Bloß, dass das angesichts der Existenz von Hennen und Eiern in diesem Fall nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Die entscheidende Frage ist vielmehr: Wie kann man der Entwicklung entgegenwirken und das Problem lösen?!

Für mich spielt es bei meiner Kritik auch keine Rolle, dass die Show letztendlich nur ein Fake war. So siehst keine Auseinandersetzung mit wichtigen Themen aus.

Und Big Brother oder Dschungelcamp sind ja nur zwei von vielen Formaten, die im Grunde alle genauso substanzlos sind. Was sind Sendungen über Frauentausch oder die Supernanny oder den Schuldnerberater etc. pp. im Grunde anderes?! Spiel mit der Schaulust der Leute, mitunter ja durchaus unterhaltsam, wie ich wohl zugeben muss. Aber es hat keine Substanz und keinen Wert.

Die ganze Schuldnerberatersache bei RTL z. B. kann man sicher auch erklären mit: "Wir wollen die Nöte verschuldeter Familien mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken, zeigen, wie sie in die Schulden-Falle hineingeraten sind und sie unterstützen." Bei der Supernanny kann man es genau so argumentieren, nur dass es um junge Eltern und ihre Nöte geht, und bei der Nierenshow - Fake hin oder her - um die Problematik mit Organsuchenden und -spendern. Alles im Grunde dasselbe Schema ohne jeglichen Wert oder Sinn.

Das ist keine intelligente Ausainandersetzung mit Themen, sondern eine platte. Ob das so ist, weil die Leute es so wollen und die Medien es deshalb so machen oder weil die Medien es so machen und die Leute es von daher (gerne) so konsumieren, ist doch wurscht. Es ist so, und das ist schlecht und beklagenswert.

Bei den Medien geht es letztlich immer um die Einschaltquoten - bei aller Ethik und Moral. Und Einschaltquoten / mediale Resonanz bringt diese Story auf jeden Fall...

...und jetzt hat sich tatsächlich herausgestellt, dass die Organe doch nicht vergeben werden und das alles ein medialer Gag war...

Ein bisschen erleichtert bin ich ja schon ... und ich muss grinsen. Ein gelungener Coup.

Sehr interessante Gedanken. Es ist auf jeden Fall wichtig, dass darüber diskutiert wird. Ist extrem schwierig und ich bin da noch ziemlich hin- und hergerissen.

Aber die Sendung fand ich von Anfang an schrecklich. Wobei ich dazusagen muss, dass ich mich auch nie eingehend darüber informiert habe.

Tja, diese Meldung wundert mich jetzt nicht wirklich. Das Problem hast du ja schön auf den Punkt gebracht: ich hatte auch ein diffuses moralisches Unbehagen, ohne es genauer begründen zu können. Ich dachte mir nur reflexhaft: "Das kann doch nicht sein! Totale Verrohung!" Wenn sich jetzt tatsächlich in Politik und Gesellschaft etwas bewegt, hatte diese Aktion doch noch etwas Gutes. LG, WilderKaiser

Jaja, hinterher haben wir's natürlich wieder alle gewusst. ;-)

Was zeigt uns, dass wir darauf hereingefallen sind? Dass wir die Umsetzung tatsächlich für möglich gehalten und nicht ernsthaft angezweifelt haben. Darüber könnte man nun auch wieder lebhaft diskutieren.

Ja, kritisch fernzusehen funktioniert nicht so richtig. Wir glauben den Bildern, weil wir darauf konditioniert sind. Im Übrigen spielt das Kino ja ganz gezielt mit dem Manipulationseffekt durch die gezeigten Bilder. Den kleinen Schlenker in philosophische Gefilde, den ich noch auf Lager hätte, spare ich mir jetzt aber...(außer du willst es unbedingt wissen). ;-)
xt600

Hut ab!

Schlenker Du ruhig. Wenn Du es ansprichst, möchte ich es auch wissen.

Nun ja, alle unseren westlichen Werte, auf die wir uns etwas einbilden - wie Freiheit, Aufklärung, Demokratie - basieren ja auf der Annahme, es gäbe so etwas wie eine Wahrheit, die mit der Vernunft erkannt werden könnte (oder zumindest mit ihr korrespondiert). Durch moderne Massenmedien wie das Fernsehen wird diese Annahme ad absurdum geführt. Wir glauben zu wissen, was auf der Welt vor sich geht, wenn wir z.B. die Nachrichten sehen - und werden doch nur auf mehr oder weniger geschickt an der Nase herumgeführt. Unsere freiheitlichen Rechte nehmen wir aber vor dem Hintergrund dessen wahr, was wir wissen oder zu wissen glauben. Irgendwie müssen wir aufpassen, dass uns nicht alles ins Virtuelle abgleitet - und das hat jetzt nichts mit dem Internet an sich zu tun.

@XT600: Warum Hut ab? *versteht nur Bahnhof*

Danke, lieber Kaiser, für diese Worte.
Dass unsere Werte nicht allgemeingültig sind, erkennt man bereits, wenn man fremde Länder bereist. Was hier undenkbar und unethisch ist, ist woanders Alltag. Vor Ort ergibt das - nicht immer, aber doch dann und wann - einen Sinn, wenn man sich als Beobachter darauf einlässt, die fremden Werte und Sichtweisen zu akzeptieren.

Deine Worte erinnern mich an die Objektivitäts-Debatte. Was die Medien uns zeigen, ist immer eine Auswahl dessen, was in der Welt geschieht. Wie sorgfältig diese Auswahl auch immer ist - allein dadurch, dass die getroffen wird, findet eine Gewichtung statt. Nur: Wenn es die Medien nicht gäbe, würden wir überhaupt nicht davon erfahren. Wäre das eine Alternative?

Gibt es denn eine Alternative? Ich erfahre von Unglück, Leid, Gewalt - und kann doch wenig dagegen unternehmen. Aber ich fühle mich immer aufgefordert. Nur wozu? Das einst so stolze Subjekt der Neuzeit schmilzt im Wohnzimmersessel zu einem ohmächtigen Bündel diffuser Befindlichkeiten zusammen, immerhin noch mit der Fernbedienung bewaffnet.

Harte Worte. Nun ja, ganz so ist es ja nicht. Du bist immerhin nicht nur ein mündiger Fernsehzuschauer, sondern auch ein mündiger Konsument von Medien im Allgemeinen. Du kannst immer noch selbst entscheiden, was Du schaust und was nicht und ob Du überhaupt einen Fernseher besitzt oder keinen hast. Darüber hinaus: Die Gesamtheit der medialen Angebote - sei es Print, Hörfunk, TV oder Online - ist so groß, dass man sich bei Konsultierung verschiedener Quellen durchaus umfassend informieren und sich eine fundierte Meinung bilden kann. Ohnmächtig ist nur, wer die Möglichkeiten, die ihm gegeben sind, nicht nutzt.
xt600

Hut ab

@ Wilderkaiser
Hut ab für eine gut gemachte Aktion.

Die Welt ist also doch nicht so schlimm, wie es manchmal scheint.

Also, ich hab jetzt auch mal ausführlicher über das Thema Organspende nachgedacht. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass es besser wäre, wenn der Großteil der Menschen (zB Macher, aber auch Zuschauer, die per SMS für oder gegen Kandidaten dieser gefakten Show abgestimmt haben) meine Organe nicht bekommt. Folglich kommt für mich eine Organspende außerhalb der Familie nicht mehr in Frage. War das jetzt Sinn dieser Aktion?

Einem Menschen das Überleben zu verweigern, nur weil er in einer TV-Show per SMS abstimmen wollte, und sei die Abstimmung noch so verwerflich, ist meines Erachtens ebenso oberflächlich wie das Urteil der Zuschauer. Diese eine Handlung kann doch nicht Grundlage für für die Entscheidung sein, ihm ein Organ vorzuenthalten. Mal abgesehen davon, dass die charakterliche Eignung eines Menschen überhaupt nicht als Grundlage geeignet ist, um darüber zu befinden, ob er einer medizinischen Behandlung zugeführt wird oder nicht. Das entbehrt dann nämlich nicht nur einer rechtlichen, sondern in weitaus größerem Maße einer moralischen Grundlage als das Abschicken einer SMS und das Ansehen einer TV-Sendung.

Dieser Mensch hat gesellschaftliche Übereinkommen wie Mitmenschlichkeit aufs Gröbste verletzt. Er soll weiterleben dürfen und weiterhin Mitmenschen wie den letzten Dreck behandeln, und das alles mit einem Teil von mir? Aber wirklich nicht. Da leb ich auch gerne mit dem Vorwurf der Oberflächlichkeit und Unmenschlichkeit.

Du nimmst Deine Werte als Maßstab für ein Urteil über das Leben eines anderen. Selbst wenn der Empfänger ein Mörder ist: In meinen Augen steht mir nicht zu, darüber zu richten, ob er er überleben darf oder nicht. Wenn ich gebe, dann tue ich es aus der Überzeugung heraus, dass der Wert eines Menschen über dem Wert seiner Taten steht - und gestehe ihm gleichzeitig zu, sich ändern zu können.

Als Erster-Stein-Werfer könnte man als Anmerkung auf den Organspendeausweis "Nicht für Menschen, die per SMS über Organspenden abstimmen, ihr Kind geschlagen haben oder unter Naturschutz stehende Pflanzen zertrampeln" schreiben.
Auf meinem steht einfach "nur nach Hirntod-Protokoll". Was danach passiert kann mir reichlich egal sein.

@Nessy: Nein, meine Werte sind hier nicht Maßstab für ein Urteil über Leben oder nicht Leben. Dieser Mensch darf gerne ein Organ bekommen, aber meins nicht. Mein Altruismus hat Grenzen, und allein ich muss damit zurecht kommen bzw. die Konsequenzen ausbaden.

Und andersrum? Was passiert, wenn du ein Spendeorgan brauchst? Und in der Familie kann dir niemand helfen?! Nimmst du dann den Tod in Kauf? Denn...es müsste ja genauso verwerflich sein, ein Organ anzunehmen, von jemandem, der vielleicht selber mit abgestimmt hat...

Davon mal abgesehen...bin ich sowieso dafür, dass Organspender untereinander Vorrang haben sollten... Wofür stelle ich meine Organe zur Verfügung für Menschen, die ihre, aus welchem Grunde auch immer, nicht hergeben wollen? Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Ist in Ordnung, im Gegenzug bekommen Kinderlose keine Rente mehr, weil sie sich dem Generationenvertrag entzogen haben, und Benutzung kirchlicher Einrichtungen wie Kindergarten und Altenheim auch nur noch unter Herzeigen des Mitgliedsausweises. So wird die Gesellschaft besser.

Klar und dass kinderlose auch kinderlos sein könnten,w eil sie ihre sonst mißhandeln würden oder gar aus Krankheit keine kriegen, lassen wir völlig unbeachtet...

Und dass kinderlose womöglich LÄNGER in den Staat eingezahlt haben, als Leute, die Kinder haben, ist für die Rente auch völlig unerheblich.

Ich weiß nicht... Irgendwie... Was ist das für 'ne Argumentation?

Ich will selber bestimmen, WEM ich meine Organe vermache und Leuten hilfe verwehren, weil die eventuell mal an nem Voting mitgemacht haben...aber auf der anderen Seite nehme ich n Organ von irgendwem gerne in Anspruch, damit die Gesellschaft besser wird?!

Naja, ist deine Argumentation besser? Ich sage nur das, was ich für mich entschieden habe, und im Endeffekt werden nach derzeitiger rechtlicher Lage wohl meine Anverwandten entscheiden, was mit meinem Körper passiert, wenn die damit leben können, dass meine Organe weiterverwendet werden ok, wenn die aber nicht damit leben können dass da im Sarg von mir erhebliche Stücke fehlen, dann lieg ich eben ganz drin, auch ok. Aber grundsätzlich zwingen lassen will ich mich nicht, würde ich auch von anderen nicht verlangen. Du willst dagegen Gesellschaftsverträge auf breiter Linie aushebeln, was weitaus schwerere Folgen haben würde. Drum sei mir mein kleiner sarkastischer Beitrag gestattet.

Ich bin lediglich für "gleiches Recht für alle"
Leute, die sich dafür entscheiden, nur an BESTIMMTE Menschen zu spenden, sollten eben auch selber nur Organe von BESTIMMTEN Menschen bekommen.

Wie sich jeder für sich entscheidet, ist mir relativ egal. Vielleicht hat man auch eine andere Meinung zu dem Thema, wenn man (wie ich) ohnehin nur 1 Niere hat.

Und genauso ist es mir egal, wie sich andere Menschen für das Thema Kinder entscheiden. Ich gehe seit 10 Jahren arbeiten, ich sorge selber für meine Altersvorsorge, weil ich mich auf den Staat nicht verlassen möchte - und ich entscheide für mich, ob ich mich für Kinder entscheide, oder nicht.

Ich wollte nur wissen, wie du dich entscheiden würdest, falls du mal ein Spenderorgan brauchst... Weil du angeführt hast, du würdest eben jemanden kein Organ geben wollen, der sich an solchen Shows beteiligt.

Und...wenn ich den Generationenvertrag umgehen muss, für das Wohl eines Kindes...ja, dann scheiß ich auf den Vertrag. Was hat das Kind davon, dass es lebt, aber die Umstände überhaupt nicht lebenswert sind?

Ich weiß nicht wie ich entscheiden würde, sollte ich eins brauchen, weil das solche Entscheidungen sind, von denen man nicht hypothetisch sprechen kann. Eine Sms, die jemanden anderes bei seiner Entscheidung, wer überleben darf, beeinflussen soll, ist dagegen jedoch ziemlich real. Da will derjenige Mensch Gott spielen, und das muss ich nicht unterstützen.

yep.geschmacklos.aber.

alle denken nach. hab mir einen schwung organspendeausweise heute von einem infostand mitgenommen und werde sie verteilen und auslegen bei uns in der ambulanz.
geschmacklos das procedere. der zweck heiligt die mittel.

Rose (anonym)

Organspende eines krebskranken Menschen

Nein, ich habe mir den Text nicht ganz durchgelesen. Denn schon am Anfang ist klar, dass das nicht geht. Wenn, dann nur eingeschränkt. Ein Mensch, der eine Chemo hinter sich hat, kann kein Organspender mehr werden. Wer will denn schon ein Organ haben, in dem sich noch Chemo oder Krebszellen tummeln? Selbst wenn die Person als "geheilt" (ist man nach 5 Jahren, wenn kein Rezidiv kam) gilt.

Keine Organspende wegen Chemo? Klingt für mich ein bisschen nach rausposaunter Meinung ohne wissentliche Fakten dahinter. Vor allem, dass sich dann noch die Chemo oder Krebszellen in den Organen rumtollen sollen, klingt für mich, nach meinem medizinischen Kenntnissstand, als völliger Quatsch. Das mit den Krebszellen dürfte nur der Fall sein, wenn der Krebs schon gestreut hat und das dann eine Spende eines solchen Organs logisch betrachtet unsinnig wäre ist klar. Aber das würde oder sollte man ja sowieso abklären, bevor es zur Organtransplantation kommt. Ansonsten ist eine Leber von einem ehemaligen Krebspatienten genau so gut wie die Leber eines (scheinbar) gesunden Menschen - Das Risiko das mit der Transplantation etwas übertragen wird oder ein krebszellen behaftetes Organ weitergegeben wird liegt da sicherlich gleich.
Ich lasse mich gerne eines besseren Belehren, dann aber bitte mit Quellennachweis. So pauschalisierte Aussagen (denn so klingt das von Dir, Rose) mag ich gar nicht.

Was ich aber eigentlich schreiben wollte: Ich finde es einfach nur lustig, wie ein Aufschrei durch die Welt geht, wegen so einer Sendung, die sich am Ende als Fake entpuppt. Ich habe bis vor zwei Tagen noch nicht einmal etwas davon gehört, dachte aber mal, ich lass mich überraschen was dabei rauskommt. Am Ende haben sich all diejenigen (in meinen Augen) nur lächerlich gemacht, die sich zuvor so sehr darüber aufgeregt haben. Vor allem, wie es Nessy so schön schreibt, wenn man sich einfach mal aufregt ohne vorher darüber nachzudenken, was vielleicht hinter der Sendung steht.
Und dann kommen die besten und lustigsten Aussagen zusammen, die man sich nur vorstellen kann. Wie sehr unsere Kultur doch untergeht und das Niveau der Menschen sinkt, einfach schrecklich wie sehr wir doch abstumpfen...bla bla bla...ist das denn wirklich so? Oder gab es nicht jahrhundertelang öffentliche Hinrichtungen, die doch im Grunde die unterste Stufe der massenkonformen Unterhaltung darstellt? Gibt es diese Hinrichtungen in einigen Ländern nicht auch heute noch?
Unterm Strich bin ich mir sicher, dass die Hähne mal wieder am lautesten krähen, die sich zu Hause im stillen Kämmerlein solche Sendungen mit wachsender Begeisterung anschauen...

Meine Gratulation gilt den Machern der Sendung. Denn auch wenn all jene die vorher so laut dagegen angeschrien haben es nicht wahrhaben wollen, die Sendung hat etwas gebracht. Ein wichtiges Thema in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerichtet. Das Mittel mag nicht jedem Schmecken, aber die Wirkung hat es nicht verfehlt und das finde ich toll...manchmal muss man eben andere Wege gehen um sein Ziel zu erreichen.

Free your mind, people!

Erst denken, dann schreiben

"Ansonsten ist eine Leber von einem ehemaligen Krebspatienten genau so gut wie die Leber eines (scheinbar) gesunden Menschen" schreibt Bigenigma. "Big enigma", ein großes Rätsel, wird wohl bleiben, woher er oder sie diese Ansicht nimmt.
Chemotherapie bedeutet, einfach gesagt, den Körper so zu vergiften, daß er grad noch überlebt, aber die Krebszellen sterben. Die Gifte werden wieder ausgeschieden über Leber und Niere. Beide Organe leiden darunter, je nach Medikament mehr oder weniger. Aber Leber und Niere von Krebspatienten sine NIE "genau so gut wie die ... eines (scheinbar) gesunden Menschen" - es sei denn, dieser wäre unerkannt an Zirrhose erkrankt.
Deshalb (und aus anderen Gründen) kommt ein Krebspatient grundsätzlich als Organspender nicht in Frage. Andere werden getestet - und längst nicht jeder Verstorbene mit Organspendeausweis wird tatsächlich als Spender herangezogen.

Erst schlau machen, dann denken - DANN schreiben

Und schon gewusst? Die Leber hat eine der höchsten Regenertionsfähigkeiten des gesamten Körpers? Lass man Krebs mit 60 ausbrechen, ausheilen und den Menschen mit 70 sterben - da wirste kaum einen Unterschied mehr feststellen...
Siehe auch hier:
http://www.organspende.de/

Folgende Faktoren schließen eine Organspende nicht absolut aus, müssen aber im Einzelfall bedacht werden:
Ein hohes Lebensalter des Spenders spricht nicht unbedingt gegen die Entnahme und Übertragung von Organen. Entscheidend ist nicht das kalendarische Alter, sondern der Funktionszustand der Organe.
Bei einer bösartigen Tumorerkrankung des Spenders ist eine Organspende möglich, wenn kein Risiko besteht, die Krebserkrankung mit der Transplantation zu übertragen, z.B. nicht metastasierender Hauttumor.
Eine Infektion des Spenders schließt eine Organspende nicht generell aus, sofern sie adäquat behandelt worden ist, als beherrscht gilt oder im Abklingen begriffen ist.
Ist die Funktion der Organe eingeschränkt, muss geklärt werden, ob diese Funktionsverluste schon vor der Hirnschädigung bestanden haben oder erst danach aufgetreten und eventuell reversibel sind.

Ich muss wirklich den Kopf schütteln, wie schwer es ist festgefahrene Meinungen mit Tatsachen zu widerliegen...
"Deshalb (und aus anderen Gründen) kommt ein Krebspatient grundsätzlich als Organspender nicht in Frage. Andere werden getestet - und längst nicht jeder Verstorbene mit Organspendeausweis wird tatsächlich als Spender herangezogen."
Wie kommt man zu so einer Ansicht? Durch nachdenken kann es nicht sein. Durch Fachwissen ganz offensichtlich auch nicht. Durch Unwissenheit und dem Glauben, was ich sag', wird schon stimmen - vermutlich...
Noch eine wichtige Sache zum Schluss: Ein "grundsätzlich" gibt es in der Medizin nicht, mein Herr. Wer heilt hat recht - und das, seit jeher.

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