Skandal! Skandal?

Nun gibt es also diese Endemol-Show, bei der eine Krebskranke eine ihrer Nieren verschenkt. Drei Kandidaten bewerben sich - einer bekommt sie. "Geschmacklos!" ruft die entsetzte Öffentlichkeit. Ja, finde ich auch. Aber warum? Das zu ergründen, ist nicht wirklich leicht. Also habe ich nachgedacht. Die Krux: Seitdem ich nachgedacht habe, finde ich es nicht mehr so geschmacklos.

Ich habe etwas überlegen müssen, bis ich darauf kam, was mich anwidert. Es ist der Allmachtgedanke. Ein Mensch stellt sich hin und richtet mit seiner Entscheidung über das Leben anderer. Ihr Zwei müsst sterben, du darfst leben. Jeder Zuschauer darf per SMS sein Votum abgeben. Jeder, der daheim auf dem Sofa sitzt, darf ein bisschen Gott spielen. Das ist das Geschäft, und das Fernsehpublikum guckt zu. Gott im Big-Brother-Format.

Während die Zuschauer ihrer Macht fröhnen, klingelt auf Macherseite munter die Kasse: Werbung und SMS-Gebühren bringen satte Einnahmen.

Was aber, wenn man das Geld für Vereinigungen wie der "Deutschen Stiftung Organtransplantation" spendete? Fände ich die Ausstrahlung dann immer noch so verwerflich? Ich ging in mich und stellte fest: Nein. Nicht mehr im gleichen Maße.

In den Niederlanden, wo die Sendung produziert wird, sind Lebendspenden erlaubt. Laut Gesetz entscheidet der Spender, wer seine Organe bekommt. Das Grundkonzept der Sendung ist also gängige Praxis, nur dass der Entscheidungsprozess mit einem Mal öffentlich stattfindet. Die Stimme des Publikums ist schlussendlich nicht entscheidend. Es zählt allein der Wunsch der Spenderin - die unter den Augen der Öffentlichkeit allerdings möglicherweise anders entscheidet, als sie es im stillen Kämmerchen täte.

Letztlich ist aber die Zurschaustellung das, was schreckt, nicht der Prozess selbst. Doch ist das Zeigen von Tatsachen skandalös, wenn die Tatsachen selbst legitim sind? Ist es nicht eher so, dass wir mit Gegebenheiten konfrontiert werden, die wir nicht sehen möchten, weil sie uns die Auseinandersetzung mit unserem eigenen Handeln - oder besser: mit unserer eigenen Trägheit, unserem mangelndem Problembewusstsein und mit der Unlust zur Reflexion - abverlangen?

Darüber hinaus führt uns die Sendung vor Augen, dass auch wir selbst uns eines Tages in einer der Rollen befinden könnten. Oder unser Partner, unser Vater, unsere Schwester, unser Kind. Möchten wir darüber wirklich nachdenken?

Die drei Kandidaten haben eine Chance von 33 Prozent, das Organ zu bekommen. Das ist eine bei Weitem höhere Chance auf ein Spenderorgan als ohne diese Sendung. 2006 standen ind Deutschland 1.259 Verstorbene für eine Organspende zur Verfügung. Sie spendeten 3.925 Organe. Implantiert wurden aber 4.032 Organe. Die Differenz wurde über Eurotransplant aus dem Ausland zur Verfügung gestellt. Wir nehmen mehr, als wir geben. Pro Jahr müssen 1.000 Menschen, die auf der Warteliste für Transplantationen stehen, sterben. Das sind fast drei pro Tag, nur in Deutschland. Nur zwölf Prozent der Europäer besitzen einen Organspendeausweis, obwohl 81 Prozent gewillt sind, ihre Organe nach ihrem Tod zur Verfügung zu stellen. Gesetzentwürfe, dass jeder Mensch potentiell Organspender ist, bis er widerspricht, werden nicht auf den Weg gebracht. Das ist der eigentliche Skandal.

Ist ein solches Sendeformat also ein Mittel, vom Zweck geheiligt? Macht es auf ein Problem aufmerksam, das die Politik wie auch jeder Einzelne, der spenden möchte, aber keinen Spenderausweis besitzt, erfolgreich verdrängt?

Nein. Denn es ist der Ton, der die Musik macht, beziehungweise das Format, das für den faden Beigeschmack sorgt. Die Entscheidung über Leben und Tod ist kein Entertainment. Man unterhält damit keine Leute und verdient damit kein Geld. Der Akt der öffentlichen Abstimmung und der damit verbundene Voyerismus verletzen die Menschenwürde.

Trotzdem: Nach längerem Nachsinnen finde ich die Sache nicht so skandalös wie die populistischen Aufschreier dieser Republik.

[Zahlenquelle: Nationaler Ethikrat]

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