Verschätzt

svartisen09

Gletscherzungen, ich erwähnte es schon einmal, sind beeindruckende Werke der Natur, deren gewaltige Größe auf Fotos nur unzureichend rüberkommt. Selbst dem forschesten Wandersmann wird bei einer Annäherung erst dann deutlich, dass die Zunge sehr groß sein muss, wenn sie binnen einer halben Stunden strammen Fußmarsches nicht ein winziges Stück näher rückt.

Gestern kam ich bereits zum zweiten Mal in meinem Leben in den unbeschreiblichen Genuss, einer Gletscherzunge zu begegnen. Der Weg dorthin führte über einen See, den wir mittels eines von einem alten Norweger gelenkten Motorbootes überquerten, das ebenso klapprig wie sein Besitzer war. Am anderen Ufer angekommen, stiegen wir zunächst bergan, immer parallel zu einem breiten, kraftvollen Wasserfall und dann weiter durch eine faszinierende, vom Eis in Wellen abgerundete Steinlandschaft. Sie tat es der Gletscherzunge gleich: Was auf den Fotos wie nettes, leicht zu begehendes Gelände aussieht, war teils schwierig zu erklimmen, hatte Fugen und Risse und war vor allem weitläufiger, als das Auge mangels Anhaltspunkte es zu erkennen vermag (ich habe den Menschen im Bild zum Größenvergleich mit einem dezenten Pfeil markiert).

Mit uns hatten sich zwei Polinnen auf den Weg gemacht. Herr Nessy und ich hatten uns vor unserem Aufbruch den Rat im Reiseführer zu Herzen genommen und festes Schuhwerk angezogen. Die Polinnen machten sich frischen Mutes und in Ballerina-Schläppchen auf zum Gletscher. Wir kamen uns in unserer Wanderkluft zunächst etwas overdressed vor, doch nach der Durchquerung des ersten Bachlaufs und dem Entlanghangeln an der ersten Kante dankten wir dem freundlichen Herrn Baedeker für seinen überaus heißen Tipp.

Leider war es schon Nachmittag gewesen, als wir losgegangen waren - die Fahrstrecke von Fauske über den Polarkreis zum Svartisen-Gletscher hatte nichts anderes zugelassen -, so dass wir uns beeilen mussten, um zur Gletscherzunge zu gelangen und das letzte Boot zurück um 18.20 Uhr zu bekommen. Entsprechend drückten wir aufs Tempo und kehrten eine Stunde vor Abfahrt um, ohne bis ans Eis gelangt zu sein. Im Moment unseren Aufbruchs erreichten die Polinnen die kleine Anhöhe und begannen, munter Filmchen mit ihrem Camcorder zu drehen.

Die Entscheidung, eine Stunde vor Abfahrt des letzten Bootes ohne Rücksicht auf entgangene Abenteuer den Rückweg anzutreten, war eine gute, denn mit brennenden Sohlen erreichten wir schließlich den Anlegesteg, auf dem der wettergegerbte Kapitän schon mürrisch wartete.

Von den Polinnen jedoch, nach denen wir uns immer mal wieder umgesehen hatten, fehlte jede Spur. Ich bedeutete dem Norweger, dass die zwei Frauen fehlten. Der alte Mann, obwohl keiner anderen Sprache als des Norwegischen mächtig, verstand und wartete noch ein wenig. Mit dem Fernglas suchte er die Hänge ab. Doch nichts: Die Zwei waren nicht zu sehen.

Schließlich deutete er auf die Hänge, die den See umgaben, machte mit Zeige- und Mittelfinger das Zeichen laufender Beine, löste die Leinen und fuhr los. Ich schaute Herrn Nessy an: Ob er noch einmal zurückfahren und die Polinnen holen würde? Am Ufer führte kein Weg entlang. Selbst wenn: Zu Fuß und mit guter Ausrüstung brauchte man bestimmt mehrere Stunden. Herr Nessy zuckte mit den Schultern. Wir versuchten, den Norweger zu fragen, doch er verstand nicht. Was also tun?

Als wir zwanzig Minuten später am anderen Ufer anlegten, vertäute der alte Mann das Boot und verschwand in einem Schuppen. "Das sieht nicht so aus, als würde er nochmal losfahren", sagte Herr Nessy. Ich deutete auf ein kleines Boot mit Außenbordmotor. Vielleicht würde der Norweger damit noch einmal übersetzen.

Wir rätselten, was wir machen sollten. Was hättet Ihr getan?

Schwierige Sache. Vielleicht mit Papier und Bleistift und Zeichnungen den Norweger gefragt, wann er nochmal hinfährt? Ich hab das mal beobachtet, wie ein deutsches Ehepaar sich so mit einem französischen Ehepaar unterhalten hat, obwohl keiner die Sprache des anderen sprach. Zahlen (z.B. Uhrzeiten) sind allgemein verständlich.

Nun ja, der Norweger hatte das Problem ja durchaus verstanden. Allein über seinen Willen waren wir im Zweifel.

Vielleicht aber, so dachte ich mir, als ich mir den verschmitzten Kerl ansah, hat er die Polinnen einfach eine Stunde dort schmoren lassen und ist sie dann holen gefahren. Ich schätze mal, es passiert ungefähr einmal pro Woche, dass ein paar Touris das letzte Bott nicht kriegen.

hm. wenn ich jetzt davon ausgehe, dass die ortschaft, von der ihr losgefahren seid, eher klein u überschaubar ist, hätte ich vielleicht versucht, herauszufinden, wo die zwei polnischen mädels residieren. u dort mit dem gastgeber gemeinsam das rückkehrproblem der damen besprochen...

Keine Ortschaft in der Nähe. Wir sind 120 Kilometer von unserem Hotel aus dorthin gefahren. Die nächste Übernachtung war noch einmal 100 Kilometer weit entfernt.

Das Leben ist hart

aber ungerecht. Bloggen Sie einfach die nächste Schlagzeile des norwegischen Bildzeitungsderivats, dass über den unaufgeklärten Verlust zweier polnischer Urlauberinnen berichten wird.

Ohne Witz: Mein Blick fällt seitdem mit genau diesem Gedanken auf die ausliegenden Frühstückszeitungen.
olle (anonym)

da fällt mir doch spontan der alte darwin ein. (survival of the fittest). aber könnte es lebensbedrohlich werden, das boot nicht zu erwischen? innerhalb von stunden verhungert und verdurstet keiner (schon gar nicht in der nähe einer doch eher ergiebigen süsswasserquelle), falsche kleidung kann schon eher ein problem werden. da kommen die fugen und risse doch nicht ungelegen um sich vor stärkerer auskühlung zu schützen.

alles in allem also wohl keine akute gefahr für die drolligen polinnen. aber eine sache mit hohem lernpotential (mag 'potenzial' immer noch nicht schreiben).

Verhungern und verdursten tun sie sicherlich nicht. Nur: Es war eben ein Gletscher. Tagsüber waren es um die 12 Grad, nachts - keine Ahnung? Fünf vielleicht? Es wäre ihnen schon knackig kalt geworden.

Zwar hab ich meinen letzten Norweger vor ca. 30 Jahren getroffen, aber sooo viel werden die sich jetzt nicht verändert haben. Also wird der gute Mann die Mädels erst mal was hat "schwitzen" lassen haben und dann noch mal rüber sein.

Danach sah er auch aus.

WOW

Wahnsinn Nessy! Hab leider grad keine Zeit zum lesen des langen Textes, aber allein das Foto!!!!

Und jetzt stell Dir bitte vor, dass das Foto den wahren Eindruck gar nicht richtig wiedergibt. :-)

Schwierige Frage.
Wäre ich selbst dort zurückgeblieben, um gemeinsam mit den beiden Mädels die Nacht dort in der Kälte zu verbringen? Wohl kaum. Hätte ich dem Mann irgendwie panisch verständlich gemacht, dass er nochmal fahren MUSS?! Wahrscheinlich.

Mmmh ... tja ... mmmh ... diese Panikmache fand ich dann auch etwas übertrieben. *schulterzuck

mhh auch wieder wahr.
Die waren schließlich erwachsen und ihr nicht die Retter der Menschheit.

Hatten die beiden große Waren sie hilfsbedürftig? Dann hätt ichs mir überlegt. :-P

Sie waren eine Handvoll hilfsbedürftig, Herr Glatzopatzo.

Draussen nur Gletscher.

Eindrücklich muss das (gewesen) sein.

Verfilmung

Also wenn in zwei, drei Jahren plötzlich ein Film in die Kinos kommt mit dem Titel "Open Glacier Tongue" wird man wissen, was da passiert ist ^^


Panikmache wäre sicherlich nicht das Richtige gewesen, aber ich wäre definitiv am Ball geblieben. Man kann die beiden ja nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.
Vielleicht nach einem Dolmetscher gesucht?

"Überlebenskampf am Gletscher" - der SAT.1-Dreiteiler.

Dolmetscher ... nun, es klingt für den Großstädter etwas komisch, aber es war nichts und niemand da. Nichts = keine Ortschaft in der näheren Umgebung. Niemand = niemand außer wir und zwei anderen Touris im Umkreis von 30 Kilometern.
Gapoon (anonym)

Toll

Vielen Dank für die vielen tollen Artikel und Fotos. Ich bekomem jedes mal eine derartige Reiselust, dass ich kaum weiterarbeiten kann :-) Vorallem Deine Island Bilder haben mir sehr gut gefallen, da ich auch ein großer Fan bin!

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