Rastplatzbegegnungen

Herrje, wann ersetzen Jeans und Sweatshirt endlich den Business-Zwirn? Oder anders: Wann bin ich endlich so berühmt, dass ich mit fehlgeleiteten Outfits gesellschaftliche Akzente setzen und Botschaften für den Weltfrieden verbreiten darf?

Vor dem Wochenende stand also ein Ausfug nach Berlin an. Schon der zweite innerhalb von vier Wochen. Inklusive war ein Mittagessen bei der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft im Reichtagspräsidentenpalais. Morgens nach dem Duschen kam ich deshalb nicht umhin, meine Haare aufzutüdeln, meine Wimpern volumig zu tuschen und mich in mein feinstes, bügelgefaltetes und nadelgestreiftes Leinen zu werfen. Der Aufwand erwies sich als weise Maßnahme, denn das Ambiente stellte sich als so gediegen heraus, dass die livrierten Kellner mir zum Nachtisch sogar das Besteck rückten, in Handschuhen und mit Serviette über dem Unterarm.

Nach der Veranstaltung stieg ich direkt ins Auto. Doch der feine Fummel zwickte und zwackte schon auf dem Berliner Ring so doll, dass er die Atmung beengte und meine Verdauungsorgane mit solch einer Vehemenz zusammendrückte, dass das Tomatensüppchen, die Entenbrust, der Apfelstrudel, das Vanilleeis, der Kaffee und die Kekse unangenehm von innen gegen die Magenwand boxten (was auch einfach an der Menge an Nahrung gelegen haben könnte, aber egal: Mein Körper sehnte sich nach textiler Gemütlichkeit). Um nicht dauerhaft Schaden zu nehmen, fuhr ich bei erster Gelegenheit rechts ran, tüdelte mir die Haare ab, band sie zum Zopf und stieg in Jeans und Sneakers um.

Als ich aus der Autobahnraststätte Buckautal Nord zurück zu meinem Auto kam, mit Hose und Ausgehschühchen unterm Arm, und das Abgelegte gerade im Kofferraum verstaute, lächelte mir ein BMW-Fahrer, der neben mir geparkt hatte, durch seine Seitenscheibe zu. Er mochte Mitte 30 sein und trug Schlips und Kragen. Ich lächelte zurück, schließlich habe ich ein sonniges Gemüt, hatte lecker gegessen und überhaupt war es alles in allem ein guter Tag. Er bedeutete mir mit einer Geste zu warten, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Er sagte allerdings nichts, sondern ging zu seinem Kofferraum, holte mit einem Griff eine Jeans, einen Kapuzensweater und ein Paar Turnschuhe heraus und hielt sie bedeutungsvoll in die Höhe. "Ist frei jetzt, die Umkleidekabine, ja?" fragte er und zwinkerte. Ich lachte, nickte. Er lachte zurück und verschwand im Buckautal.
Bernd von Mottenburg (anonym)

Rastplatzbelegung

Haben Sie es denn schon mal mit Abnehmen versucht? Dann klappt's auch wieder mit dem Businesslook und Tomatensüppchen und Co finden ungehindert den Weg durch Ihre Innereien. ;-)

Herr von Mottenburg, ob dieser uncharmanten Entgegnung wünsche ich Ihnen sieben Jahre schlechten Sex eine 530-Kilometer-Fahrt mit zwickenden Knöpfen und kratzenden Waschanleitungen.

Abgesehen davon wäre abnehmen natürlich eine Lösung.

Sehr geehrter Herr von Mottenburg, da haben Sie ja ne menge über sich verraten: keine Businesstermine und entweder schwul oder Dauersingle. So wenig takt, wie Sie hier mit Frauen beweisen ... ;)

*wirft Christian ein Küsschen zu und murmelt leise, aber triumphierend "tschakka"

@Christian: So eine böse Replik aber auch! Schlimm, das!

leider halten tatsächlich nur die teuersten, möglichst maßgeschneiderten business-klamotten lange autofahrten durch, ohne zu verknautschen, zu müffeln und den träger mit kneifen und scheuern zu belästigen.
ich habe da einen sehr schönen nadelstreifenanzug in erinnerung, aus einer unkaputtbaren wolle, die fast die konsistenz von gut eingetragenem jeansstoff hatte. leider haben die gnome in meinem schrank die hose mal über weihnachten in der taille enger gemacht und auch die knöpfe der jacke versetzt.
und was ist das denn dafür ein anonymer pöbler? zu feige, eine emailadresse zu hinterlassen?

Besagter Businesszwirn ist sogar maßgeschneidert, war sündteuer und sitzt ganz hervorragend. Doch meine Wohlfühlklamotten sind eben andere, gerade auf langen Autofahrten und wenn ich es mir aussuchen kann. Und was Deine Gnome angeht ... ich glaube, sie haben eine Enklave in meinem Schrank.

Pöbler? Ach, der tutto completto anonyme Herr von M. tapst nur etwas unbeholfen durchs Blog.

Zum Glück muss ich so Zeug nicht anziehen, das kneift auch, wenn man "schlank und rank" ist.

(Da hören Sie's, Herr von M.!!)
Es gibt so Zeug auch in gemütlich. Ich besitze sowas auch in gemütlich. Ist aber alles nix gegen Fliegerseide Joggingbuxe ungezwungenere Kleidung.

Das ist dann aber bestimmt so teuer, dass man es sich nicht kaufen will, oder?

(und ja, der Herr von M hat echt keine Ahnung)

Das ist maßgeschneidert, so teuer, dass man beim Bezahlen kaltschweißig und zittrig ist, und sich im Folgenden drei Wochen lang nur von dünner Suppe ernähren kann.

Dann passt das ja gar nicht mehr...

Irgendwie hab ich eine Abneigung, für Klamotten schrecklich viel Geld auszugeben

Dann passt das gerade richtig, denn meine Kleidung hat die missliche Angewohnheit, auf dem Weg vom Geschäft nach Hause eine Kleidergröße zu schrumpfen und nur noch halb so schlank zu machen wie im Laden.

Das liegt an den Spiegeln da, die machen Kleidung vorteilhafter, als sie letztendlich ist
Arno (anonym)

Aber die Suppe ward an jenem Abend doch zur Verfügung gestellt!? :-)

War aber dicke Suppe - also das Produkt an sich und was es aus mir machte.
Arno (anonym)

Da stand aber Tomatensüppchen. *g* Außerdem meinte ich ja auch, dass Du das schicke teure fürs nächste Mal kaufen sollst und die Mehrkosten durch das Süppchen gedeckt sind.
Daniel Bräutigam (anonym)

Toll. Einfach toll. Das nenne ich Menschsein. So etwas sollte es öfter geben, blindes Verständnis, welches einem gute Laune bereitet. Leider viel zu selten in der heutigen Zeit.

Bernd von Mottenburg (anonym)

Vielleicht sollte man bei solch pseudofeierlichen Anlässen mal alle Konventionen bei Seite lassen und einfach das Kleine Schwarze anlegen. Da zwickt und zwackt dann auch nichts, jedenfalls nichts kleidertechnisches.

@Daniel: Leider war keine Zeit, mit dem blinden Verständnis einen Kaffee zu trinken. :-)
@Herr v. M.: Trotz dass Sie mir Gewichtsreduktion nahe legen, nötigen Sie mich nun ins Kleine Schwarze: Gehören Sie dem Verein zur Förderung der Presswürste an?

Huch, in welchen Kreisen bewegst du dich denn? Ist mir da etwas entgangen? Falls du Bundeskanzlerin werden solltest, sag vorher kurz Bescheid, ja? :-)

Vielleicht bin ich's ja schon. ;-)

Musst du dann im Fernsehen immer diese furchtbare Gesichtsmaske tragen? ;-)

Gesichtsmaske, Herr Kaiser? Welche Gesichtsmaske?

*rückt empört Frisur zurecht
URi

Frisur? Angie hat eine Frisur?

Lass diese Frage bloß nicht den Udo hören.

Erinnert so ein bißchen an das Umziehen in diversen Serverräumen und Rechenzentren, wenn ich mit dem Motorrad zur Arbeit gefahren bin.

Motorradsachen --> unbequemes Zeug --> Motorradsachen

Der eine oder andere Mitadmin litt unter temporärer Blindheit, wenn er unvorbereitet zu ungünstigen Zeiten die heiligen Hallen betreten hat. Jedenfalls haben sie das behauptet.

Das ist mir vor allem im Sommer öfter passiert, als ich meinen schwarzen Business-Anzug gegen ein dünnes Kleidchen und Sandalen getauscht habe und auf meinem dicken Klamottenstapel über'm Arm ganz oben ein belohnendes Magnum Mandel thronte. Da gab's vorher allerdings nicht so ein vorzügliches Menü sondern nur harte Verhandlungsfakten mit Käffchen.

wobei das dünne Kleidchen durchaus einen positiven Einfluss auf das Verhandlungsergebnis hätte haben können, bei mir auf jeden Fall je nachdem.

Es kommt auf die Art der Geschäfte an, Herr Schweizer.

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