Neues altes Idiotentum

Da und dort beklagen sich Schreiber darüber, wie "kenntnisfreie Meinungsmache" das Internet bevölkere und es zu einem "Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten" verkomme.

Beim Lesen dieser Artikel sind mir zwei Gedanken jenseits der aufgeworfenen Fragen gekommen: Ist es im vorliegenden Fall nicht vielmehr so, dass das Virtuelle das Reale spiegelt? Und: Hat nicht die Verschriftlichung von eigentlich Mündlichem seinen Anteil an der Misere?

All jene Schreihälse, die in der Kneipe, am Kaffeeautomaten, beim Nachbarschaftsfest und im Sechser-Abteil in der Bahn Zweiten und Dritten und Vierten ihre unmaßgebliche Meinung aufdrängen, tun dies neuerdings unter dem Label "Teilhabe am öffentlichen Diskurs" in Foren, Blogs und Kommentaren. Ihre Argumentation wird durch die öffentliche Darbietung nicht fundierter, ihr Horizont nicht weiter. Die dem Web immanente Möglichkeit der Interaktion vieler mit vielen weicht zwar die Grenzen des realen, interpersonalen Austauschs auf, führt aber dem Argument der "Schwarmintelligenz" zum Trotz nicht per se zu mehr individueller Weisheit.

Es mag nun sein, dass ein Ruf in den Wald außerhalb des Internets nach wenigen Metern ungehört verhallt, während er virtuell vielmehr an einen Lichtstrahl erinnert, der gestreut und vielfach zurückgeworfen wird und dadurch wie viele Lichtstrahlen erscheint. Die Unterscheidung zwischen Relevantem und Unrelevantem mag schwieriger, die Informations- ebenso wie die Desinformationsfülle größer werden. Das aber ist der Preis, den wir für die neuen Möglichkeiten der Meinungsäußerung zahlen müssen.

Die Verschriftlichung des sonst mündlich Herausgeplauderten trägt das Ihre dazu bei, dass wenig ausgereifte Statements nicht an Substanz gewinnen. Im Gegenteil: Der Schwarz auf Weiß in Bits und Bytes gefasste Kommentar, dem bar jeder nonverbalen Information, jedes Stirnrunzelns, Brauen-Hebens und Mundwinkelzuckens zeitverzögert weitere Kommentare folgen und der daraufhin korrigiert oder revidiert oder affirmiert wird, bekommt durch seine schriftliche Form eine Endgültigkeit, die er nicht hat und die vom Verfasser meist auch nicht gewollt ist. Denn die aufgeschriebene Meinung ist nur ein Ausschnitt aus seinen Überlegungen, die er normalerweise im direkten, synchronen Austausch mit den Mit-Diskutanten einer stetigen Prüfung unterzieht.

Nessy, das ist wundervoll formuliert!
Ich lese im Shopblogger immer wieder in den Kommentaren, wie sich die Kommentatoren über den Inhalt des Blogs aufregen und diesen für zu langweilig befinden, während andere diesen verteidigen.
Dein Eintrag bringt fantastisch auf den Punkt, was ich per Kopfschütteln denke, wenn ich dort lese.

Es macht echt Spaß, bei dir mitzulesen!

Wenn sie sich über den Inhalt des Blogs aufregen, scheint es ja einen Grund zu geben, warum sie ihn lesen. Wenn er so schlecht oder so belanglos oder so langweilig wäre, würden sie es ja lassen.

(Danke!)

Lichtstrahl

Der Vergleich mit dem Lichtstrahl gefällt mir, weil treffend.
Generell ist das Verhalten der Menschen im Internet nicht so unterschiedlich zu dem im "real life". Informationen, die eine gewisse Wahrnehmungsschwelle überschreiten, werden nach einer Weile auch ungeprüft als "wahr" übernommen. Eine Falschinformation als solche zur Akzeptanz zu bringen, erweist sich als ungleich schwieriger.
Das hat schon zu "analogen Zeiten" Bestand gehabt ("Spinat enthält viel Eisen!") und funktioniert heute noch genau so - als Beispiel seien nur die massenhaft auftretenden "Beweise" genannt, die zur Untermauerung von diversen Verschwörungstheorien herumgereicht werden und, obwohl sie mit relativ geringem Aufwand, etwas Verstand und Fachwissen als Falschinformation zu entlarven sind, dennoch als Faktum aufgenommen und weiterverbreitet werden.
Der Unterschied zu Vor-Web-Zeiten ist, dass Informationen ohne Filterung die gleiche Reichweite haben, egal ob falsch oder wichtig. Wer am lautesten brüllt, wird gehört.
Und, um es mal salopp zu sagen: die Idioten haben mit dem Internet schon verdammt große Sprachrohre in die Hand bekommen.
Andererseits ist der wirkliche Idiot derjenige, der auf das Gebrülle hört, ohne es selbst zu hinterfragen.

Sehr schön geschrieben.

Sicherlich bringt das Internet den ein oder anderen Nachteil mit sich. Aber in der individuellen Selektion liegt wie auch beim Fernsehen die Antwort: Ich muss Idiotensendungen ebenso wenig schauen wie ich Blogs oder Kommentare lesen muss, die mich nicht weiterbringen. Und ein gesunder Zweifel gegenüber Informationen sollte grundsätzlich immer vorhanden sein.

Werte Nessy, du bringst es auf den Punkt.

Wie meinte letzt ein netter Freund:
Mir doch wurscht, was ich denk!

Da bin ich irgendwie komisch, denn eigentlich fühle ich mich damit gar nicht angesprochen und doch könnte ich mich da reinsteigern.
Also gut ich bin ein Graswurzeljournalist aber ich fühle mich wohl dabei.
Und zum tausendsten mal wir internet idioten wollen gar keine Journalisten sein.

Mir ging es in erster Linie um dem Umgang miteinander in Kommentaren.

Journalist wird man nicht allein durchs Publizieren, sondern vor allem durchs Recherchieren, Sortieren, Einordnen und Formulieren.

Auch das geschieht in Blogs. Trotzdem ist nicht jeder Blogger Journalist.

Diese Klagen...

... nämlich Da und dort beklagen sich Schreiber darüber, wie "kenntnisfreie Meinungsmache" das Internet bevölkere und es zu einem "Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten" verkomme. ausgerechnet in Texten vorzubringen, die meines Erachtens genau das sind was sie anzuprangern versuchen ist dann schon wieder irgendwie niedlich und zeugt sowohl von Unkenntnis der Autoren, wie das "hier draußen" funktioniert als auch von ihrer dadurch bedingten Hilflosigkeit ob dieser "Zustände"...

Ernst nehmen kann ich das jedenfalls nicht (deshalb habe ich auch nichts dazu geschrieben).

Es gibt schon Argumente, die etwas für sich haben. Letztendlich scheint es mir bei dererlei Artikeln aber manchmal, als schrieben Blinde über die Farbe.

Brilliant!

Einfach Brilliant!

Brillant...

ist gar kein Ausdruck: Brillantine! ;)

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