Der Kuss

Es war dieses Silvester Mitte der 90er, als es minus 20 Grad hatte. Nur die Hauptstraßen unserer kleinen Stadt waren vom Schnee und vom Eis befreit. Auf den Nebenstraßen, den Anliegerstraßen und in den kleinen Gassen, auf den Höfen und Terrassen lag eine dicke, plattgetretene, gefrorene Schneeschicht, die so hart war, dass sie erst Wochen, nachdem sich erste Krokusse ans Licht gewagt hatten, geschmolzen war. Wir gingen hinaus mit Mütze und Handschuhen, in einer langen Unterhose und den Schal nicht nur um den Hals, sondern eng um Mund und Nase gewickelt. Männern mit Schnurrbärten gefror ihr Atem in den borstigen Haaren, und Frauen, die gerade geboren hatten, blieben mit ihren Kindern vor den Kaminen der Einfamilienhäuser sitzen und blickten versonnen ins Funkeln des Weihnachtsbaums, das sich im Fenster spiegelte.

Wir waren eine Gruppe von vielleicht acht Leuten, eine lose zusammengewürfelte Clique, die sich erst vor ein paar Monaten gefunden hatte. Es ergab sich, dass wir in einer hölzernen Gartenhütte in einer Reihenhaussiedlung feiern konnten, umgeben von zwei Heizlüftern, auf Campingstühlen und Plastikliegen. Wir saßen im Kreis um einen Tisch herum, machten Raclette, erzählten und lachten viel. Die Bravo Hits des Jahres quollen aus den Boxen eines CD-Kassetten-Decks, und wahrscheinlich wechselten sie sich ab mit Kuschelrock und Roxette, denn das war es, was wir zu dieser Zeit und zu dererlei Anlässen hörten.

Von Zeit zu Zeit, immer dann, wenn uns in dieser winzigen Hütte mit den zwei Heizlüftern zu warm wurde, öffneten wir die Hüttentür mit den Butzenscheiben und den dicken, gehäkelten Spitzengardinchen. Die Luft unter der Decke wurde augenblicklich zu Dampf und waberte in dicken Schwaden hinaus in die Kälte. Es war unwirklich und dauerte nur wenige Sekunden, ehe wir die Tür wieder zurissen und uns mit schlotternden Leibern wünschten, wir hätten sie nie geöffnet.

In einem dieser Momente blickte ich ihn zum ersten Mal an, wie er ebenfalls dasaß und zu frieren begann. Er war zu dieser Zeit mit Miriam zusammen, einer 17-Jährigen, die bereits vor Mitternacht von ihrem Vater abgeholt werden würde, weil sie nicht länger aus bleiben durfte. Sie war eine zarte, braunhaarige Elfe mit Porzellanhaut und Locken, die ihr auf den Rücken hinabhingen und bei jeder Bewegung sanft hüpften. Sie war schön im klassischen Sinne, doch sie war eine Puppe und reizte ihn nicht, das sah ich gleich. Wenn er sie umarmte und ihr einen kurzen Kuss auf die weißen Wangen drückte, hielt er die Augen geöffnet und ließ jene Innigkeit vermissen, wie sie Verliebten zu eigen ist, wenn um sie herum im Augenblick gegenseitiger Berührung die Umgebung in Bedeutungslosigkeit verschwimmt.

Um kurz vor elf wurde sie also abgeholt, obwohl Silvester war, obwohl wir alle wie in einem riesigen Schlafsaal im Wohnzimmer dieses Reihenhauses schlafen würden und obwohl sie bereits 17 war. Er drückte ihr wieder einen dieser scheuen Augen-auf-Küsse auf die Wange, während ihr Vater im Auto wartete und die Abgaswolken aus dem Auspuff des Wagens quollen. Als er zurück in die Gartenlaube kam - die warme Luft wurde sofort dunstig, als er durch die Tür schlüpfte -, setzte er sich neben mich in einen freien Campingstuhl. So saßen wir beeinander, ich bot ihm von den Chips an, und er blickte mich immer wieder von der Seite an.

Es wurde Mitternacht, und als wir mit gefüllten Sektgläsern, in Mützen und Handschuhen, die Schals über den Mund gezogen, auf dem plattgetreten Schnee in der Anliegerstraße standen und die ersten von uns Raketen steigen ließen, blickte er mich an, schob meinen Schal beiseite und küsste mich lange und innig. Dann ging er zu den anderen Jungs und knallte und lachte, während wir Mädels frierend zusahen und an unserem Sekt nippten.

Das Jahr, das mit einem Kuss begann, war eines, das bestimmt sein sollte von Veränderungen, aber noch mehr bestimmt von einer wilden Verliebtheit, die nicht Grund für die Veränderungen war, sie aber ebenso fürsorglich wie ungestüm begleitete.

eine schön erzählte Geschichte, wie wir sie wohl alle schon erlebt haben...
Aber das Lesen Deiner Zeilen versetzt einen direkt in diese Zeit - danke dafür und euch ein glückliches neues Jahr... ;-)

Zauberhaft und anstrengend war sie, die Zeit damals.
Ebenfalls ein frohes neues Jahr.

hach, was schoenes zum jahresanfang....vielen dank fuer den gemuetlichen spaeten nachmittag frau nessy...
p.s. und ein frohes neues natuerlich...

Gern geschehen. Dir auch ein glückliches 2008.

Hach. *seufz* Ja, damals, was Küsse mit uns machten!

Wieso nur damals?

Klar heute auch noch! - aber der erste Kuss, so richtige Kuss von dem Richtigen, ist verändernd.

Oh ja.
Orinoko

Kann leider zum Thema `Küssen´ grad nichts beitragen, möchte aber Frau Nessy und den anderen hier ein gutes Jahr 2008 wünschen.

Das wünsche ich Ihnen auch, Herr Orinoko. Und wer weiß - vielleicht wartet ja irgendwo in 2008 ein Kuss auf Sie.

Apropos: Ein frohes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2008!!!

PS. Mein JAhr begann auch mit einem laaaaaaaaaaaangen Kuss.

Ebenfalls ein frohes neues Jahr, Herr Waschsalon. Ich wette, Ihr Jahr wird bombastisch werden.

top, die wette gilt...
Daniel Bräutigam (anonym)

Hervorragender Einstieg in ein tolles Jahr 2008. Vor allem für katergeschädigte Knirpse wie mich war dieser Text einfach nur schön leicht verdaulich und erzeugte wie der Alkohol eine innere Wärme, die ich nicht missen möchte.

Übrigens hätte ich heute Nacht auch beinahe geküsst, umstehende Haltemöglichkeiten, welche bei Bedarf missbraucht wurde, verhinderten aber zum Glück ein Rendezvous mit dem kalten Asphalt.

Allen Kunden und der Inhaberin ein frohes neues Jahr!

Das hört sich nach Rock'n'Roll in der Silvesternacht an. Ebenfalls ein frohes Neues!

Ich überlege gerade, ob ich bei dem Silvester auch vor Ort weilte. Aber wir waren da eigentlich immer ausgeflogen. Ich wäre aber auch zu schüchtern gewesen. Glaubt mir aber keiner. Frohes neues Jahr.

Frohes neues Jahr.
Schüchternheit ist ja eine Form von Aufrichtigkeit und insofern ein ganz guter Charakterzug.

Hach, wie schön, was für ein Start für einen Teenager ins neue Jahr.

Liebe Nessy, ich wünsche Dir nur das Beste für 2008. Und vielleicht ist es besser, wenn Du nicht so sehr auf den imaginären Glückskeks hörst ;-)

Nicht nur für Teenager ein guter Start. :-)
Dir auch alles Gute für 2008!
Ms. Micha (anonym)

:-)

Ich glaube ich war dabei ;-) Kann mich an diesen Abend erinnern.

Waren Sie derjenige, der sich in Nachbars Blumenrabatte übergeben hat?

ich erinnere mich an das Jahr.
Da haben in der Stadt alle geknutscht, nur ich nicht, wie es scheint.

Ein gutes neues Jahr Dir!

Die Zeit sind ja nun gottlob besser geworden.
Dir auch ein gutes neues Jahr!

öhm (*stotter) ich bin begeistert von diesem kleinen Text (*sehnsüchtigzurückschau). Danke für diesen schönen Jahresanfangseintrag, komme wohl öfter mal stöbern. Bin übrigens dringend dafür, dass das "camp" auf RTL läuft ;-), bitte auch in DER Besetzung ! Würde mir dafür auch wieder einen Fernseher anschaffen.

Herzlichen Willkommen im Kännchencafé!

Freut mich, dass Ihnen gefällt, was hier serviert wird!

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