Angebaggert

Es begab sich gestern früh, dass ein Bagger mir das Internet wegbaggerte. Mit seiner Schaufel kappte er ein Kabel. Nicht irgendein Kabel, sondern das Kabel. Das einzige, verantwortungsbeladene Kabel, das mich und meine Firma, die ganze Straße und die gesamte Umgebung mit der Welt verband.

Gestern war mein erster Arbeitstag nach dem Weihnachtsurlaub. In meinem Mailaccount lagen - das hatte ich während des Urlaubs schon über den Webmailer gesehen - 30 wichtige, unbeantwortete, aber noch nicht abgerufene Mails. Es gab gestern morgen neben diesen 30 wichtigen, unbeantworteten Mails keine nicht-virtuelle Arbeit, die auf anderem Weg als per Mail zu mir gekommen war. Arbeitseinstieg nach dem Urlaub halt.

Kein Internet also. Kein Zugriff auf die Arbeit. Nach vier Telefonaten und einigen persönlichen Gesprächen habe ich mir überlegt, was ich noch so ohne Internet und Mails tun könnte, um meine Schaffenskraft konstruktiv in den Dienst meines Arbeitgebers zu stellen.

Mir fiel nicht viel ein, so dass ich begann, aus vier überquellenden Aktenordner acht zu machen und sie optisch neu zu arrangieren. Ich ging frühzeitig in die Kantine und habe das Altpapier weggebracht. Hätte ich Blumen in meinem Büro, ich hätte sie liebevoll gegossen, ihnen braune Blätter von ihren hübschen, grünen Leibern gezupft, sie hinter den Ohren gekrault und ihnen zwei Stunden Rilke vorgelesen. Zum Glück hatte ich am frühen Nachmittag einen langen Termin, so dass ich mich dann doch irgendwie gebraucht fühlte.

Heute war das Internet wieder heile. Heute hatte ich aber eine nicht-virtuelle Besprechung nach der anderen. Plus natürlich die 30 Mails von gestern. 30 Mails = 30 Antworten = 30 kleine und große Dinge, die sich aus den Mails ergeben. Wie und was haben eigentlich die Leute gearbeitet, als es noch kein Internet gab? Und warum mache ich und nicht der depperte Baggerfahrer heute die Arbeit, die ich normalerweise gestern gemacht hätte und deretwegen ich bis eben im Büro saß?

nehme Sie es als wink des schicksals, frau nessy: der erste tag ist für die entspannung nach dem urlaub, der zweite für den nötigen adrenalin-kick - baggerfahrer sei dank. immer das beste draus machen. wenn bei mir das Intranet abstürzt, kommt die arbeit (hustende und ka... kinder) trotzdem.

Sie arbeiten dann immerhin weiter. Nach zwei Stunden im Wartezimmer wurde ich auch schonmal nach Hause geschickt mit den Worten "Wir können Sie nicht behandeln. Computer abgestürzt. Kommen Sie wann anders wieder."
URi

OT, sorry...

"Kommen Sie wann anders wieder."
Wo sagt man denn sowas?
"Kommen sie ein anderes mal wieder" sagt man bei uns.

Das sagt man wahrscheinlich im Sauerland. Manchmal schlägt's dann doch bei mir durch.

Arbeiten ohne Internet ist aus heutiger Sicht wirklich schwer vorstellbar. Es war damals aber mit Sicherheit etwas entspannter. Immerhin mußte man früher auch mal ein paar Tage auf Unterlagen warten und hatte sie nicht direkt im eMail-Posteingang...

.. und es wurde auch nicht erwartet, dass man innerhalb von zwei Stunden antwortet und immer erreichbar ist.

Richtig! Außerdem gab es auch keine Handies. Man war also auch mal für eine gewisse Zeit einfach nicht erreichbar und es klingelte nicht untentwegt das Mobiltelefon, wenn man in einem Kundengespräch o.ä. war.

Und die, die angerufen haben, fanden das nicht schlimm, denn sie haben sich gedacht: "Er wird wohl in einem Kundengespräch sein." Heute denken sie sich: "Kruzifix, die faule Sau, warum geht der nicht ran?! Der will wohl nicht arbeiten."

Frau Nessy, der depperte Baggerfahrer hat keinerlei Ahnung von dem was sie da tun und das sie Internet für ihren Job brauchen.
Er wird ihnen höchstens erzählen, das im heutigen Zeitalter jeder und sogar er seit diesem Weihnachten ein Handy hat.
Außerdem so denkt er, oder er spricht es auch aus (abhängig vom Erregungszustand) sie sollen ja nicht während der Arbeitszeit telefonieren sondern Arbeiten.

*lacht

Er hat vollkommen Recht. Ich sollte mir Blumen anschaffen.

Früher

Früher hat man sich über solche Ereignisse gefreut. Früher bedeutete das aber auch "Schulfrei" oder ähnlich begrüßenswertes. Heute bedeutet es vor allem Arbeit, die aufgeschoben werden muss und dann zwangsläufig mit anderen Aufgaben kollidiert.
Was bin ich froh, dass ich in solchen Fällen (ähnliches passierte hier vor rund einem Jahr) abgesehen vom Telefon zu 100% von daheim arbeiten kann.

Damals: Feueralarm. Ach, was war das super!

Und damit die liebe Nessy demnächst noch effizienter arbeiten kann, bekommt in Bälde einen Blackberry:-))))

*für mich ein Kündigungsgrund*

Ein Blackberry. Ganz bestimmt nicht.
Ines (anonym)

"Wie und was haben eigentlich die Leute gearbeitet, als es noch kein Internet gab?"

Sie haben ihre Anfragen, Aufgaben und anderen Anliegen per Briefpost gesandt ;)

Briefpost? Du meinst, diese gelben Menschen mit den Fahrrädern haben denen das alles gebracht? Hamma!

Ups, das weckt unangenehme Erinnerungen. Als ich meine erste kleinere Bauleitung machte, baggerte auch jemand so ein Kabel an. Gottseidank war ich an diesem Tag vermilchreist und der Chef der Baufirma hat den Groll der Bewohner leidvoll ertragen. Ich hab vom Desaster erst am nächsten morgen erfahren und mich noch wochenlang schuldig gefühlt.

Gut, so! Sehr gut so! :-)
Naja, passiert halt. Ist nur irgendwie doof. Für alle jetzt.

... ja so lieben wir sie die Freunde von der baggernden Front... immer gut für ein bisschen extra Adrenalin.
Telefon klingelt, hostmam damals noch mit zwei Krabbelkindern allein zu Hause, Familienauto fährt mit Göttergatte in der Weltgeschichte rum, Haus im Rohbau ist 20km von der noch-Wohnung entfernt:

"Tach hier sind die Stadtwerke, wo sollen wir die Rechnung für die gezogene Gasleitung hinschicken?"

Eigentlich wollte er wohl sagen: Hier sind die Stadtwerke, der Baggerfahrer den sie engagiert hatten um die Abwasserleitungsgräben zu ziehen, hat aus Versehen die frisch verlegte Gasleitung erwischt. Machen Sie sich keine Sorgen es ist alles wieder in Ordnung und ihr Hausrohbau steht auch noch"
Aber wir sind hier eben in Norddeutschland - da wird nicht drumherumgeredet...

In Norddeutschland sind die Leute erfahrungsgemäß subtil. Ihr Bericht bestätigt sehr eindringlich, dass es kein individuelles Phänomen ist.

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