Hotel Corallo

Nach fünf Tagen wollen wir mal rüber, die andere Seite sehen. Von der Adria aus fahren wir über Bologna in die Toskana, fort vom geistlosen Herumliegen auf heißem Sand, hinein in den Landstrich der Dichter und Denker zu Wein, Bildung und Kultur.

In Viareggio frage ich nach einem Zimmer, das ligurische Meer vor Augen, die Bergketten der Emilia Romagna im Rücken. Doch weder hier noch in den Nachbarstädten ist auch nur eine Pritsche frei, und so tasten wir uns durch die flirrende Hitze und über geschwungene Küstenstraßen weiter nach Norden, von Ort zu Ort, von Hotel zu Hotel, bis wir nach La Spezia kommen, einer Hafenstadt südlich von Genua mit dem Charme einer öldurchtränkten Fabrikhalle. Das Hotel Corallo hat ein Zimmer frei, und erschöpft von der Reise, der Sonne und der Fragerei buchen wir gleich fünf Nächte.

Das Zimmer ist groß und schlicht. Es hat ein breites Metallbett, einen Schrank, einen Tisch und eine Dusche, wobei die Dusche sich nicht im Bad befindet, sondern das Bad befindet sich auf dem Flur und die Dusche direkt neben dem Bett. Schiebe ich den Plastikvorhang beiseite und steige hinaus aus dem Nass, läuft das Wasser an mir hinab auf den Zimmerboden, und wenn ich mein Haar schüttele, besprenkel ich den schlafenden Mann vor mir mit winzigen Tropfen kalten Wassers, die schimmernd auf seiner Haut liegen bleiben und in der Wärme verdunsten.

Die Sonne geht unter. Es wird dunkel am Himmel, jedoch nicht in unserem Zimmer im Hotel Corallo mit der Dusche neben dem Bett und der Leuchtreklame neben dem Fenster. In farbigem Stakkato beflackert sie die Wände. Hell, dunkel, hell, dunkel, hell, dunkel. Ich schließe die Augen. Meine Haut ist warm von der Sonne, sie riecht nach Sommer und After Sun Lotion, mein Kopf ist schwer, und meine Augen brennen. Der Mann neben mir atmet flach und gleichmäßig und verströmt Wärme, die mir winzige Schweißperlen auf den Nasenrücken legt.

Just in dem Moment, in dem meine trunkenen Gedanken in einen diffusen, lichtdurchzuckten Schlaf gleiten, setzt am Kopfende unseres Bettes ein Keuchen ein. Auf kleinen Häppchen Atemluft quetscht sich rhythmischs Fiepen aus weiblichen Lungen. Erst zaghaft, dann fordernd, dann erneut verhalten, fast schüchtern, dann lauter, kürzer, öfter, energischer, bis sich ein tiefer Seufzer entlädt.

Man meint, es sei Verzückung, spürt nachbarliches Wohlgefühl durch den Rigips sickern und genießt für einen Augenblick die leise knisternde Stille, in die das entfernte Hupen von Motorrollern hallt, als plötzlich Metallenes gegen die Wand schlägt. Das Keuchen setzt im Gleichtakt mit den Schlägen wieder ein. Es hat nun eine Sprache gefunden. Ah!, Ah!, Ah! macht es. In die kleine Pause zwischen zwei Ah!s und dem dumpfen *rumms!, *rumms!, *rumms! eines Möbels, das im Gleichtakt auf Widerstand stößt, rammt sich ein kehliges, eisbärenhaftes Grunzen. Die Leuchtreklame flackert fiebrig ihr Hell und Dunkel an die Zimmerwand.

*rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ... *rumms Ah! .... ooaahhhh! ...

Hell ... dunkel ... hell ... dunkel .... hell ... dunkel .... hell ... dunkel .... hell ... dunkel .... hell ... dunkel .... hell ... dunkel .... hell ... dunkel .... hell ...

Am nächsten Morgen sitzt nur ein älteres Ehepaar im Frühstücksraum, das schweigend kleine Kekse isst.

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