Die WG des Grauens

Prolog:
Es ließ sich zunächst gut an. Für sechs Wochen Praktikum sollte ich nach Erfurt ziehen. Schnell fand ich ein WG-Zimmer zur Zwischenmiete. Ortsteil: Löbervorstadt hinter dem Stadtpark, Mitbewohner: drei, Zustand: mobliert.

Die Geschichte:
An einem Sonntagabend schlage ich vor dem Altbau auf. Es ist Juli. Bei 30 Grad steht die Hitze in der Stadt.

Ich hatte Tino Bescheid gesagt, dass ich um diese Uhrzeit ankommen würde. Mit hängenden Schultern, schlabbrigem Shirt und Berumdashorts öffnet er die Wohnung. Wortlos deutet er auf die erste Tür auf der rechten Seite. "Is ja alles klar sonst. Miete legst du einfach auf die Kommode hier, wenn du hast", sagt er. Dann verschwindet er in eine Höhle neben der Küche.

Tino erweist sich als tagschlafend und nachtaktiv. Immer um 1 Uhr empfängt er rülpsende Menschen, mit denen er Ballerspiele spielt. Weil ich zwischen Tino und dem Klo wohne und die Ballerspielmenschen entweder eine Pennälerblase haben oder an einer Niereninsuffizienz leiden, begleitet mich das Rauschen von Urin und Toilettenspülung durch die Nacht.

Weitere Mitbewohner neben Tino sind Dotti und Greta. Dotti ist ein dünnes, blondgelocktes Wesen in einem immer gleichen Batikkleid, das die Hälfte des WG-Kühlschranks mit einem Aloe-Vera-Kaktus okkupiert, von dem es sich jedesmal vor dem Duschen eine Scheibe abschneidet. Greta kommt aus Berlin und entschwindet zwei Tage nach meiner Ankunft dorthin: Semesterferien.

Am Montag kaufe ich das erste Mal ein, lege Wurst, Milch und Käse dort in den Kühlschrank, wo nicht Dottis Kaktus steht. Am Dienstag kommt Dotti in die Küche, während ich mir dort mein Feierabendbrot schmiere.
"Was ich Dir mal sagen wollte: Deine Wurst dünstet voll in meinen Sojajoghurt aus. Ich lebe vegan, weißt Du, und finde es voll scheiße von Dir, dass Du das nicht respektierst", sagt sie.
Als ich mich gesammelt habe, antworte ich: "Ich tue Alufolie drum." Man will ja nicht sofort Streit.
"Der ganze Kühlschrank riecht nach Wurst."
"Sag mir lieber, wie ich Fernsehempfang kriege. Wo ist denn die Antenne?"
"Bei dir im Zimmer gibt es keine Antenne." Sie rauscht mit wehendem Batik davon.

Am Abend darauf gehe ich in den Saturn und kaufe mir eine Zimmerantenne. Doch das Einzige, was ich damit empfangen kann, ist ein verschneites MDR.

Als ich am ersten Samstag in die Küche trete und eine kleine Wolke Fruchtfliegen vom Mülleimer aufsteigt, sehe ich es an der Zeit, guten Willen zu bekunden und Bad und Küche zu putzen - als Einstandsgeschenk und des harmonischen Zusammenlebens wegen.
"Dotti, wo habt ihr denn Reinigungsmittel und Schwämme?"
"Was für Reinigungsmittel?"
"Für Bad und Klo."
"Für Bad und Klo?"
"WC-Ente und *Pffff, Pffff* zum Sprühen!!" (Herrgottnochmal!)
"Wozu?"
"Vergiss es."

Epilog:
Nach der Hälfte der Praktikumszeit stand ich kurz vor der Debilität. Mein geistiger und emotionaler Verfall fand Futter im Fernsehprogramm. Wer schon einmal sechs Wochen am Stück nur MDR empfangen hat, weiß, was das bedeutet. Nach vier Wochen setzte eine medieninduzierte Demenz ein, die sich darin äußerte, dass ich leise sächsische Volksweisen summte, massenweise Haloren-Kugeln aß und wie aus dem Nichts ein unbändiges Interesse für Wilhelm Piek empfand. Nur eine Kombinationstherapie aus einem täglichen Glas Warsteiner, Dauerbeschallung mit Punkmusik und einem wiederholten Aufrufen der FDP-Website brachte mich dazu, meine kapitalistische Gesinnung wiederherzustellen und nicht der Musikantenscheune anheim zu fallen.

Nach sechs Wochen verließ ich Erfurt als traumatisierte Weiterhin-Wurstesserin mit chronischer Wohngemeinschaftsphobie.

[Kategorie: Auftragsblogging]

Da sind sie aber auch ein ein Exemplar der speziellen Gattung geraten. Und dann auch noch vegan *g*
Ich bekam damals gesagt: "Wenn du auf deine Dosenmilch verzichten könntest, dann hätten wir gar kein Weißblech mehr als Abfall."

Orinoko

Sehn´Se bei uns inne WG früher war das alles besser. Wir drei hatten leider keine Ballerspiele, kamen aber trotzdem auf etwa gleiche Zubettgehzeiten. Wir kauften gemeinsam ein und kochten zusammen, natürlich mit totem Tier und ein bisschen Schimmel hier oder dort brachte halt mehr Farbe ins Leben.
Schön war schon für ein paar Jahre... war aber auch gut als es vorbei war und wir die WG auflösten :-D

@Schlepp:
*lacht herzlich!
Was den Abfall betraf, war die so korrekte Dotti völlig leidenschaftslos. Überraschend eigentlich, wenn ich es rückblickend betrachte.

Orinoko: Bisschen Schimmel hier und dort? Tino, bist Du's?

Ja wirklich überraschend. Naja, man muß sehen was man von den Ratschlägen mitnimmt. Ich trinke heute tatsächlich keine Dosenmilch mehr, hat allerdings andere Gründe. Schauen Sie noch MDR?

MDR kann ich hier nicht empfangen. Bin untröstlich.
URi

Warum haste nicht unter 'ner Brücke genächtigt? Kann ich mir jedenfalls nicht schlimmer vorstellen, als so 'ne WG... ***post mercy on***

Nessy (anonym)

Mir wären viele interessante zwischenmenschliche Erfahrungen verwehrt geblieben. Die möchte ich auf keinen Fall missen.

Viel WG-Erfahrung haben Sie nicht, oder?
*g*

Ehrlich gesagt bin ich auch nicht so der WG-Typ. Also nicht, dass ich nicht mit anderen Leuten kann und unkommunikativ bin. Ich bin auch nicht pedantisch oder sonstwie schlimm, mache Putzpläne oder drangsaliere Mitbewohner. Aber die dauerhafte Anwesenheit von eigentlich fremden Menschen in so einem privaten Bereich wie der Wohnung - das finde ich einfach keinen schönen Gedanken.

naja, manchmal lässt es sich leider nicht vermeiden *seufz*
Aber ich versteh dein Problem voll und ganz.
Ich will laut zur Musik singen. Ich will, dass es egal ist, wann ich abwasche, wann ich Wäsche wo aufhänge, ob noch ein Platz im Kühlschrank ist. uws. usf.

Bei so Leuten möchten ich auch ganz ehrlich gar nicht mit WG-Erfahrung-Sammeln anfangen.

Oh mein Gott ... ein typisches Beispiel von "Lost in Ost".

Einschlägige Erfahrungen? Mal zwischen Finsterwalde und Spremberg verfahren?

Herrjeh

6 Monate Zwischenmiete in Altona liegen hinter mir.
Noch 5 Monate in Barmbek vor mir. Aber ich werde es schaffen.
Konsequent suchte ich mir für den 2. Teil HH nur 2er WGs aus. Sah mir was weiß ich wieviele WGs an und war froh, wenn ich nach 10 min. wieder gehen konnte (GRAUSLIG!).
Wenn ich nicht zufällig diese aktuelle gefunden hätte, ich wäre im Ghetto gelandet mit einem Cannabis anbauendem Untermieter, null Fernsehempfang und null Telefon.
Momentan habe ich ein 20m² Zimmer, eine sehr nette Mitbewohnerin und schicke Möbel.
Aber: Sobald ich einen ECHTEN Job hab brauch ich DRINGEND meine eigenen 4 Wände.

Barmbek fand ich zum Wohnen ganz angenehm: Edeka vor der Tür, Chinamann, Dönermann und den großen Globetrotter. Alles super. Nur die Wohnung war etwas hellhörig. Ich konnte den Typen über mir atmen hören.

Hellhörig, was ist das? Nie gehört!

Mit Übermietern hatte ich bislang Glück. Ich würde nur nie wieder ins Erdgeschoss neben die Briefkästen ziehen. Bei 20 Parteien schlägt ständig jemand eine metallene Kastentür zu, und ich habe das Gefühl, dass Hauswände den Schall sehr gut transportieren. Außerdem ist es auch bei 25 Grad Raumtemperatur noch fußkalt.

Sie wissen aber schon, dass Erfurt in Thüringen liegt?

Und anstatt frustriert vor der Glotze abzuhängen, hätte sich der ein oder andere Sommer-Spaziergang gelohnt. Sie hätten inmitten von perfekt saniertem Fachwerkgemäuer ihre touristischen Landsleute getroffen, die ihre Begeisterung über die Schönheit dieser Stadt stets mit fröhlichem, wenn auch leicht affektiertem Gestus zum Ausdruck zu bringen verstehen.

Und anstelle der sachsen-anhaltinischen Hallorenkugeln anempfehle ich Ihrem werten Zucker- und Gebäckhaus Original Thüringer Rotstern-Naschwerk.

ps.: Der Thüringer als Solcher einverleibt sich liebend gerne Fleisch. Süßigkeiten, Bratwurst - Sie hätten sich in Erfurt eigentlich pudelwohl fühlen müssen.

Damit mich niemand falsch versteht: Erfurt an sich habe ich bereits in höchsten Tönen gelobt. Das Rotstern-Naschwerk kenne ich jetzt nicht, aber die Thüringer Bratwürste sind in der Tat sehr gut. Und Sauerbraten und Klöße waren auch weit vorne. Am besten hat mir aber "Tropea" geschmeckt, von dem ich gar nicht weiß, ob das jetzt eine besondere Marke ist oder nur eine lokale Spezialität des betreffenden Cafés.

All das wird allerdings von Othello-Keksen weit übertroffen. Ein ähnlich leckeres Naschwerk hat der Westen bislang noch nicht hervorzubringen vermocht. Leider kann ich es hier nirgendwo kaufen.

... und zum Glück wähnten Sie sich 'sächsische Volksweisen' summend... denn Thüringisch klingt viel, viel schlimmer. ;-)

Othello Kekse in Kaffee getunkt - lecker*
Lars (anonym)

Werte Frau Nessy,

ich fange bald an, Sie ernsthaft zu bedauern: Zur Nessy-Truman-Show auch noch traumatische WG-und Ost-Erfahrungen. Als Therapie empfehle ich, mit den Suchbegriffen "Grebe" und "Thüringen" sowie (danach) "Brandenburg" mal bei YouTube zu stöbern.

FF - fiel Fergnügen ;-)

LAB-Maus (anonym)

Klecks Senf

Hallo liebe Frau Nessy,

Also das klingt wirklich nach gelebtem Hammer-Film. Mein tiefes Mitgefühl!
(also ich hätte ja den Kaktus mal aus Versehen mit dem einheimischen Senf dekoriert - der ist a) vegan und übertüncht b) jeden anderen Geschmack, wenn man die scharfe Variante nimmt - vorzügliche Therapiemaßnahme bei trockenen Augen wegen zu stundenlanger Vigilanzaufgaben am PC...
Ist wirklich schade, daß es nicht überall die "richtigen" Schoko-Kekse gibt - aber bei Wikana gibt's ja netterweise einen Online Shop. ;)

PS: 1. Prüfung geschafft, für die 2. troll' ich mich jetzt wieder an den Schreibtisch...

Dann wünsche ich mal weiterhin viel Glück und Erfolg!

Das klingt genau nach dem, was ich bei vielen vielen Kollegen von der Uni gesehen habe. Und das ist auch der Grund weshalb ich alleine wohne. Anders würd's sicher nicht gehen.

Bei vielen, vielen Kollegen von der Uni habe ich skurrile WG-Geschichten gehört. Sie waren sehr lustig, aber ich glaube, ich hätte nicht alle von ihnen lustig gefunden, wenn ich sie selbst erlebt hätte.

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