Nachbarschaftsstudien

Binnen drei Tagen Home Office (in denen ich mehr gearbeitet habe als im Büro, weil hier weniger Kollegen sind und auch die Ketchup-Kinder derzeit nur sporadisch Keulen schwingend durch die Straßen laufen) habe ich viermal den Oberinspektor getroffen. Ich fühle mich in meiner Theorie, dass es diverse Oberinspektor-Komparsen gibt, bestätigt.

Was den Unterinspektor angeht, bemerke ich regelmäßige Feindbewegungen durch den Hausflur. Jüngst stand er mit stattlichem Bauch, in roter Latzhose und mit einer Schüppe unterm Arm am Beet vor unserer Mietskaserne.

Das Beet ist nicht wirklich ein Beet, sondern ein zwei mal zwei Schritte großes Stück Erde neben einem "Parken verboten"-Schild mit einem grünen Mülleimer. Der Unterinspektor hat es sich gemeinsam mit dem papierdünnen Opa zur Aufgabe gemacht, die Erde zu bewirtschaften. Sie pflanzen in jedem Frühjahr Immergrün und kleine Büsche hinein und trinken dabei jeder mehr Flaschen Bier als das Beet Quadratmeter hat.

Leider parken unter dem "Parken verboten"-Schild immer wieder Menschen. Sie können meist zwar ein-, danach aber nicht wieder ausparken und furchen deshalb mit Vorder- oder Hinterreifen durch des Unterinspektors Immergrün. Dieser lässt sich jedoch nicht beirren und pflanzt mit stoischer Beharrlichkeit mehrmals im Jahr neues Zeug ein. Vielleicht weil er sonst nie Bier kriegt.

Währenddessen topft des Unterinspektors Weib, eine patente, immerfröhliche Frau mit grauem Igel und dem Wesen eines Flummis, Balkonpflanzen ein. Sie tropft dabei Erde und Wasser durch den Hausflur, was wiederum den Oberinspektor, aber noch mehr Frau Birne von gegenüber ärgert.

Frau Birne ist eine Endfünfzigerin, die manchmal den Rollator ihrer Mutter zu Besuch hat (vielleicht auch die Mutter selbst, aber sie ward noch nie gesehen). Frau Birne hat eine ausgeprägte Vorliebe für Rotweine. Das entnimmt der aufmerksame Mieter der Ausstattung ihres Kellers, einem Pferch voller Flaschen.

Frau Birne ist Single. Einmal habe ich einen Mann bei Frau Birne gesehen, einen graumelierten, untersetzten Boss-Hemden-mit-Pullunder-Träger. Er war einer jener Männer, die montags bis samstags Firmen leiten und sonntags Kontaktanzeigen in der "Zeit" lesen. Ich glaube aber, sie hat ihn vergrault, denn sie ist zwar belesen, aber auch kompliziert und schon viel zu lange allein. Jeden Samstag stellt sie einen Wäscheständer mit ihren Schlüpfern raus; ein Wäscheständer, der Aufschluss darüber gibt, warum es mit dem Firmenleiter nicht geklappt haben könnte.

schön geschrieben! ich kann mir nun ein lebhaftes Bild von den Geschehnissen in und um Nessys Behausung machen - ein Vorteil, wenn man für ne Weile definitiv ausser Gefecht gesetzt ist. Ich freu mich schon auf weitere Ergüsse dieser Art.

aber was hat es eigentlich mit dem Home Office auf sich? hat es die Fa. denn wirklich nötig, die arme, bedauernswerte, schwerstverletzte und hilfsbedürftige Nessy so auszubeuten? mein tiefstes Mitgefühl!

Die arme, bedauernswerte, schwerstverletzte und hilfsbedürftige Nessy hat heroisch eine Krankschreibung abgelehnt, weil sie in ihrem Job keinen Vertreter hat.

Manchmal muss ein Kapitän das Schiff von der Kajüte aus segeln.

da komm ich mir ja wie ein echter Sozialschmarotzer vor, wenn ich meinen Bandscheibenvorfall Zuhause auskuriere...

Wieso das? Nö.

Ich mache das nur, weil während meiner Krankschreibung niemand meine Arbeit erledigt, Termine verschoben werden müssen, ich sowieso viel angerufen werde, und es danach ziemlich stressig würde. Dann lieber von zu Hause aus wegschaffen, was geht, während der Fuß im Kissen ruht und kuriert.

Vorteil: Ich habe all die Sachen geschafft, die mal eine Stunde lang Zeit zum Denken und Formulieren erfordern, ohne dass ich unterbrochen werde.

Vollste Zustimmung.

Das Homeoffice bietet einige Vorteile. Neben der Horrorvorstellung, nach einer KZH-Zeit entweder einen Haufen aufgestautes zu erledigen oder sich durch den Programmcode der Kollegen wühlen zu müssen (wir sprechen zwar die gleiche Sprache, aber unterschiedliche Dialekte, um der Sache mal ein Bild zu geben), kann man sich so auch beschäftigen. Wer will schon den ganzen Tag lang Talk- und Gerichtsshows gucken? ;-)
Außerdem hat man - genau! - Ruhe, immer frischen Kaffee und stets ein verfügbares Klo. So lange ich also sitzen und denken kann, arbeite ich halt von zuhause. Einziger Nachteil: hier habe ich nur einen Monitor.

Außerdem kann man nebenbei Wäsche waschen, in der Mittagspause doch mal eine Talkshow gucken, muss kein Kantinenessen zu sich nehmen und kann zwischendurch einfach mal aufstehen und, sagen wir, Blumen gießen. Nimmt nicht mehr Zeit in Anspruch als der Schwatz mit Kollegen, und freut die grünen Dinger.

also... die arme Frau Birne muss ich jetzt ja mal in Schutz nehmen! Denn mit meinen "Lauf-Höschen" (beim Sport schwitzt man, und das zersetzt nach einiger Zeit JEDE Naht --> Schönheit überflüssig) kann man auch jeden Mann in die Flucht schlagen ;-)

Und als Single wäscht man die definitiv öfter als die Reizwäsche. Aber wenigstens weiß ich jetzt, was meine Mitbewohner von mir halten :-D

Der Unterschied aber ist: Frau Birne trägt Schlüpper. Wir tragen Slips.

Und das Schlimme ist: Ich will gar nicht wissen was Frau Birne trägt, wenn es den Firmenleiter schon so erschrocken hat, das er nie mehr gesehen wurde......

Vielleicht trug er auch Dinge, die Frau Birnes Leibwäsche weit in den Schatten stellten.

Hmm, du machst mich überlegend, fast schön neugierig, wenn da nicht die Angst wäre zu erschrecken, würde ich weiter nachdenken.
Es ist sicher so Frau Birne hatte Erwartungen, die der Firmenleiter nicht erfüllen wollte oder konnte das ist jetzt die frage, Hmmm was glaubst du?
Aber am einfachsten ist es doch du fragst bei Frau Birne mal nach, dann müssen wir uns nicht den Kopf zerbrechen.

ok, ich bin überzeugt :-)

Frau

Unterinspektor verliert also aufgrund ihrer Fortbewegungsart als Flummi Erde und Wasser bei Umtauschopfaktionen? Gut vorstellbar. Wie bekommt der Oberinspektor die an der Decke klebenden Erdreste wieder ab?

Und dass Sie Frau Birne, hauptamtliche Betreiberin einer Zeltreinigung, vorgestellt haben, finde ich allerliebst. Vielleicht wird der Rollator ja als Transportgerät für Mannschaftszelte missbraucht? Fragen Sie doch mal den Herrn Landesverteidiger. Der müsste sich ja damit auskennen.

Herr Nessy (anonym)

Sie können sich gerne ...

auch hier mal schlau machen zum Thema Zelte:
http://www.panzerbaer.de/materials/bw_flgr_einheitszelt.htm

Bei euch gehts ja zu, wie im richtigen Leben ... ;-))


papierdünne opas.. und so.

schön.

ich wundere mich (manchmal), wen ich (noch) nicht verlinkt habe.

wird nachgeholt.

ach ja, und meine bestellung: doppelten espresso, ohne schaum.

Das Café dankt für Bestellung und Promotion.
Schaum gibt's hier nur für Frauen und für Männer mit Nagellack.

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