Jürgen, der mich ertränken wollte

In der Zeit, als ich dabei war, meine erste Lehranstalt mit der Grundschulreife zu verlassen, wohnte Jürgen in meiner Nachbarschaft.

Jürgen war der Schrecken meines Vorstadtviertels - blond, bullig, burschikos. Er wohnte nahe meiner gediegenen, gutbürgerlichen Reihenhaussiedlung im Hochhaus, das nicht irgendein Hochhaus war, sondern das Hochhaus. Schließlich gab es nur dieses eine und kein anderes, was das Wort zum Eigennamen machte.

Das Hochhaus brandmarkte Jürgen, so wie es alle seine Bewohner brandmarkte. Wer aus dem Hochhaus kam, wohnte zwar nebenan, aber doch fern meiner Welt. Die aus dem Hochhaus waren suspekt. Bevor wir Reihenhauskinder unbeobachtet mit den Hochhauskindern spielen durften, prüften unsere Eltern ihre geistige und moralische Reife, damit sie uns durch das Spiel mit Plastikpistolen oder Gegenthesen zum Storch nicht sittlich verderben mochten.

Jürgen besaß die erforderliche geistige und moralische Reife nicht - nicht aus spießbürgerlicher Sicht, aber auch objektiv besehen gibt es berechtige Zweifel. Denn Jürgen verbrachte seine Mittagszeit damit, auf Kosten pflichtbewusst heimkehrender Grundschulkinder Wegelagerei zu betreiben. Er wartete, breitbeinig und mit dem Rücken gegen einen Laternenmast gelehnt, auf uns Dötzchen, um uns, nachdem wir an ihm vorbeigegangen waren, von hinten am Tornister zu reißen, uns in Büsche zu schubsen und unsere schutzbeumschlagten Bücher, unsere hübschweißen Turnschläppchen und die in Schönschrift geführten Hausaufgabenhefte in Beete auszuleeren.

"Geh nicht über den Lehnsweg nach Hause, der Jürgen hätte dich fast ertränkt", ermahnte meine Mutter mich unermüdlich, einen Umweg in Kauf zu nehmen. Denn tatsächlich hatte Jürgen mir einmal die Luft aus den Schwimmflügeln gelassen, als ich nichtsahnend im Kinderbecken des örtlichen Bades trieb.

Vor Jahren treffe ich Jürgen in der Sauna wieder. Fett ist er geworden, aufgedunsen und schwerfällig. Sein Haupthaar ist schütter, das Brusthaar spärlich, nur im Schritt wuchert wildes Blond und bildet ein gedeihliches Versteck für sein Glied.

Natürlich erkenne ich ihn sofort, wie er dort breitbeinig vor dem knackenden Ofen auf dem Holz sitzt. Mit der flachen Pranke schlägt er sich Schweiß von den Armen. Warmem Regen gleich spritzen die Tropfen gegen eine faltige Matrone, Typ russische Hebamme ("Parässen Sie! Fästär! Fästär! Nur gute Geburt, wenn Riss tief und lang!"), die unter ihm auf ihrem Handtuch hockt. Sie wendet sich um, in ihren Augen blitzt Kampfeslust.

"Passen Sie doch auf!", herrscht sie ihn von unten nach oben an. "Sie Ferkel!"

Jürgen schaut ihr ins Gesicht, sein Blick senkt sich auf ihren üppigen Busen, dann schaut er wieder auf, seine Augen verengen sich. Doch sie hat sich schon wieder umgewandt und zeigt ihm nichts als Rücken und Hinterkopf. Er stützt seine Arme auf die Knie und senkt seinen Kopf in Demut vor Hitze und Hebamme auf seinen Brustkorb.
dextersphere

»brandmarkte« wäre das richtige Wort. Kommt von der Züchtigungssitte im Mittelalter, mit dem weniger schwere Vergehen bestraft wurden. Siehe auch z. B. : http://www.g26.ch/berninfo_justiz_01.html

Schon klar. Danke!
Tippfehler zu später Stunde.

wo wir schon dabei sind ... äh ... tornister. ;-)
und, war zu erkennen, ob ihm die hebamme gefallen hat? zum beispiel anhand seines zumpferls, das aus der hecke hervorgelugt hat?

Bei uns im Sauerland hieß das ja eigentlich nicht To(r)nister, sondern mundartlich Tonton. Aber genug davon.

Der Jürgen war totel abgebrüht. Keine Zeichen des Gefallens. Sie meinen, ein harter Umgangston gefällt ihm?

So ein abruptes Ende?! Ich hatte gehofft, dass die Hebamme ihm noch einen roten Abdruck im eh schon rotem Gesicht hinterlässt...

Tja Jürgen... Du sollst nicht würgen und auch nicht ertränken, sonst findest Du Dich schwitzend in der Hölle wieder!

Weißt Du, was sie mit ihm gemacht hat, als er ins Tauchbecken stieg?

Nein!

Erzaehlen Sie!

Raus damit! Geht es um ein Büschel blonder Haare, die einsam auf der Oberfläche schwammen?

Ich habe nicht behauptet, dass ich es weiß. Ich vermute, er ist ein bisschen länger unten geblieben.
summerfriend

Pfui Frau Nessy.
Sie sollten in der Sauna Ihre Blickführung anders handhaben, als sie es sonst für gewöhnlich tun.

Wenn er draufsitzt, kann ich ihm nicht auf den Hintern gucken.
simetra

hmmm.... ob diesen hebammen-spruch mal der liebsten freundin erzählen sollte, die am 02.06. termin hat? ;-)

Aufmunternde Worte, gerade wenn sie aus dem berufenen Munde lebenserfahrener, älterer Damen stammen, schaden nie.

klasse! (nur das ende hat mich ein bißchen enttäuscht. macht aber nichts.)

Wer in seiner Kindheit schon alle Pointen verteilt hat, hat halt als Erwachsener keine mehr.

Ich weiß nicht ob ich die Geschichte lustig, traurig oder sonstwie anders empfinden soll. Ich fand sie interessant zu lesen.

Mir könnte derartiges aber eindeutig nicht wiederfahren, da ich mich grundsätzlich nicht an Gesichter erinnere, die ich schon Jahre nicht mehr gesehen habe. Ich glaube das ist auch gut so ;)

Irgendwie hat wohl jeder aus dem gutbürgerlichen Lager seinen Jürgen aus dem Schmuddelkinderlager... und so mancher Jürgen begreift leider auch im Erwachsenenalter nicht, daß er nicht immer den Affen geben muß - das zeigt sich dann in solchen Unarten wie z.B. Autotuning (der größte Schwachsinn seit der Erfindung des Automobils - warum kaufen die sich für das Geld nicht lieber gleich ein richtiges Auto?).

Jürgen hat außerdem dafür gesorgt, dass die Jürgens niemals aussterben.

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Schande! Ich kann doch...
Schande! Ich kann doch nur Dienstag Abend! :-(
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klingt ja schon mal SEHR vielversprechend! Ruhrgebi et...
Jekylla
Ich hätte dieses...
Ich hätte dieses Jahr ganz sicher noch Berlin...
nessy
Das, Frau nessy,
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