Wie Onkel Adolf zurück nach Hause kam

Am heutigen Tage finden um mich herum zahlreiche Festivitäten statt, darunter auch Trauerfeiern. Das erinnert mich wieder einmal an eine Begebenheit aus dem Sauerland. Im Sauerland gibt es viele Gestalten, die allerlei krude Dinge tun, was aber erst auffällt, wenn man von außen draufblickt. Wer mittendrin wohnt, findet alles normal.

Es begab sich in den 60er oder 70ern, dass Onkel Adolf starb - allerdings nicht bei uns in seiner sauerländer Geburtsstadt, sondern in Kassel. "Glaube, Sitte, Heimat", all das sowie seine Sippschaft hatte er seinerzeit mitten im Krieg hinter sich gelassen. Man munkelt wegen eines Flittchens, dem er nachgezogen war, aber das tut nichts zur Geschichte.

Onkel Adolf schied also dahin, dort in Kassel. Weil er keine Kinder hatte und die Mischpoke im Sauerland sicher gehen wollte, dass er A) wirklich tot war und B) in geweihter, katholischer Erde zu liegen kommt, war klar: Onkel Adolf musste nach Hause, koste es, was es wolle! Man leerte Sparschweine, sondierte des Onkels Ersparnisse, zählte die letzten Pinunsen zusammen und resümierte: Unter die Erde kriegen wir ihn, aber für die Überführung reicht's nicht.

Große Konferenz. Dann die alles entscheidende Frage, hineingerufen von den hinteren Bänken: Wer sagt eigentlich, dass man tote Onkels nur in schwarzen Kombis mit weißen Gardinen transportieren darf? Raunen und Gemurmel. Zustimmung. Und so stiegen Adolfs Bruder Rudolf und Schwägerin Hedwig in ihren Opel, fuhren nach Kassel, schleppten den im Wohnzimmer seines Flittchens aufgebahrten Onkel Adolf zum Auto, versuchten ihn in den Kofferraum zu knicken, setzten ihn schließlich auf die Rückbank, schlugen die Tür zu und fuhren ab.

Die Bundesstraße 1 zwischen Kassel und dem Sauerland ist lang und kurvenreich. Onkel Adolfs Muskeltonus hingegen war mäßig. Immer wieder kippte er zur Seite, wo er lag wie tot. Zugegeben, er war tot, aber das sollte ja niemand mitkriegen, schon gar nicht die Polizei, das würde nur unnötige Fragen aufwerfen. Im schlimmsten Fall dürfte man nicht weiterfahren, Onkel Adolf begänne zu riechen, oder die Bullen würden den Alten einkassieren und er würde gottlos zwischen Kassel und Brilon verscharrt. Möglicherweise käme ein übereifriger Wachtmeister gar auf die Idee, Onkel Rudolf und Tante Hedwig hätten Onkel Adolf höchstselbst das Lebenslicht ausgeblasen, wo doch Onkel Rudolf wegen eines Augenleidens sowieso einen verschlagenen Blick drauf hatte. Nein, das konnte man nicht riskieren. Also hielten Onkel Rudolf und Tante Hedwig in der nächsten Ortschaft an, kauften im Baustoffhandel einen Strick, schoben Onkel Adolf in die Mitte der Rückbank, schlangen ihm den Strick unter den Achseln hindurch, führten das Ende nach hinten zur Anhängerkupplung und zogen stramm. Aufrecht hockte er nun da, den Kopf zwar auf der Brust, aber alte Herrschaften schlafen ja viel.

Am Abend fuhren die Drei dann vor einem Sauerländer Schreinergeschäft vor, wo Onkel Adolf auf Kiefernholz und Doppelkrepp seine letzte Ruhe fand. Schreiner und Kundschaft kannte sich freilich, doch ehrlich gesagt: Selbst wenn nicht - hinterfragt hätte Onkel Adolfs letzte Fahrt niemand. Schließlich gibt es im Sauerland viele Gestalten, die allerlei krude Dinge tun.

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