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Das Viva-Leben

Früher wurden die Alten nicht so alt und die Jungen blieben nicht so lange jung.

Lehre mit 14, dann Maloche bis zur Rente, immer die gleiche. Sobald Geld da war: Familie. Sobald Familie da war: Verantwortung. Sobald Verantwortung da war, war man jung alt und nicht viel anders als die Eltern, die alt alt waren.

Heute ist man bis 25 jung jung, denn bis dahin gibt's Kindergeld. Kindergeld! Für Menschen, die seit elf Jahren strafmündig sind und seit 13 Jahren Sex haben. Kriegt man kein Kindergeld mehr, wird man aber noch lange nicht erwachsen. Schließlich wollen alle jung jung bleiben und nicht jung alt werden. Und wenn man schon nicht jung jung bleibt, dann wenigstens unabhängig von Verantwortung. Und wenn schon nicht unabhängig von Verantwortung, dann wenigstens "ein bisschen verrückt".

Früher blieb der verantwortliche Malocher dort, wo er war. Aber früher hatte er auch Arbeit und keinen "Job". Früher war er nach der Lehre ausgelernt, heute ist man nicht mal richtig eingearbeitet, da kommt schon der nächste Release oder Relaunch oder Recall. Woran soll man sich da noch orientieren, wenn die Welt sich so schnell dreht, wenn das Neue schon wieder alt ist, bevor es lange genug neu sein konnte, wenn man überall sein muss und überall hin muss, dass einem schwindelig von der Geschwindigkeit wird, mit der das Leben passiert.

Früher wurde einem höchstens auf der Schaukel im Garten unter dem Apfelbaum schwindelig, wenn man sich zum Spaß eindrehte und wieder ausdrehte. Heute gibt es Obstplantagen statt Streuobstschaukelwiesen, und geschaukelt wird nur das Kind, das Baby des Teams, das Projekt - "Wir werden das Kind schon schaukeln", ruft man sich bei After-Work-Partys zu.

Geld ist nie da, denn trotz Jobs und Schwindel und Vagabundentum und dem Gefühl, es irgendwann dochmal zu etwas bringen zu müssen, weil man ja doch ständig so wichtige decisions fällt über shareholder value und content syndication - trotz all dieser Beweise unglaublicher Produktivität reicht es nie. Zugegeben: Die Malocher früher hatten auch kein Geld. Sie hatten sogar noch viel weniger kein Geld, als man heute kein Geld hat. Doch sie hatten keins, weil es nicht da war und nicht, weil es da war, man es aber für Dinge verbrennt, die keine Lebensfreude bringen: Spritkosten, Leasingraten, Stromnachzahlung, private Rentenversicherung, Bahncard.

Nicht, dass es früher besser war. Aber es war vielleicht ein bisschen sinnhafter, das Tun. Und es gab noch Grund, sich aufzulehnen. Früher, da konnte man noch Revolution machen. War ja schließlich alles so schrecklich geordnet und vorherbestimmt. Heute könnte man höchstens das Gesundheitssystem revolutionieren, aber mal ehrlich: Das ist ja auch wieder ein Projekt, wie man so viele Projekte hat.

Zeit. Die ist natürlich knapp. Man merkt es bei Viva: Dort blenden sie die Bilder so schnell hintereinander ein, dass man Kopfschmerzen bekommt. Weil aber inzwischen das ganze Dasein Viva ist, wird einem schonmal schwindelig. Und da sind wir wieder bei diesem Apfelbaum mit der Schaukel, unter den man sich manchmal setzen möchte, das frisch gemähte Gras atmen und in den Himmel gucken, um sich über das Heute mit seinen Möglichkeiten zu freuen.

Wie in einer Gummizelle

aber mit einer Türe die nur angelehnt ist. Man muss sie nur finden.

Wunderbarer zeitkritischer Text. *unterschreibt*

*applaus...applaus*

Da schließe ich mich an...

*applaus* ... *applaus*

* bravo *

'Man' könnte auch heute noch revolutionieren - nur ist die Zahl derer denen der Begriff "Revolution" etwas sagt im Schwund begriffen ....
Allein 'revolution' als 'song'-Titel bedeutet der Mehrheit noch etwas ....

Ich sag' immer:
Mit der Ächtung von Bärten fängt es an, mit der totalen Entmündigung der Bürger durch die Marketing-Abteilungen der Großkonzerne hört es auf; dort werden die "Zeichen der Zeit" entworfen .... und auch die Politiker sind nur eine 'Zielgruppe', so wie die 'Novitätenfreaks' ....

Mein Haar- und Barterlass lässt Sie nicht los, gä? Er reiht sich nahtlos ein in großkapitalistischen Frevel und das gesetzliche Rauchverbot.

Haar- und Barterlasse ....

sind sowas von 'out'! Sie haben bei der Bundeswehr zu Kuriositäten geführt und sind schon im Ansatz wie die Straßenverkehrsordnung: Jeder kennt sie - kaum einer beachtet sie ....

Wenn es Sie beruhigt:
Ich halte Sie für sehr viel intelligenter, überlegter und differenzierender als Frau Bätzing .... von der wird man in ein paar Jahren sagen "Wer war das denn noch?" während Sie sich hier ein 'Denkmal' (!) setzen ....

Gelesen, genickt und zugestimmt!

Niemals war Urlaub wichtiger wie heute. Und warum? Weil unser Leben an sich so viel stressiger ist...

Ich dreh dann mal den Zeiger zurück!

Das passt wie die Faust auf´s Auge. Rackern und ackern und nie bleibt genug hängen.

Schön geschrieben, wahr geschrieben!

Oh ja willkommen in meinem Leben. ;-(
Das mit dem Apfelbaum war irgendwie spaßiger.

Möglich ist sie schon, die "Revolution" - nur kommt sie nicht mehr so hochtrabend daher, sondern als einfaches individuelles NEIN: z.B. zu Spritkosten, Leasingraten, Stromnachzahlung, privater Rentenversicherung und Bahncard. NEIN zur Kundenkarte, zur nächsten Registrierung, zum Gewinnspiel, zu allen fortwährend angebotenen Gelegenheiten, "Geld zu sparen", indem man noch etwas kauft. Nicht zu vergessen das NEIN zum nächsten Honorar-freien Praktikum, um auch an die Jung-Jungen zu denken. Nein sagen geht, man muss es nur wollen. :-)

Im rasenden Wahnsinn der Möglichkeiten verschleißt sich nur der, der überall dabei sein will. Der nicht einfach auf den Balkon treten kann und sich drüber freuen, dass da eine Kornblume blüht, die niemand gepflanzt hat.

Nein zu Spritkosten, Stromnachzahlung und privater Rentenversicherung? Mmmh. Das heißt: Job kündigen, Strom abdrehen lassen und im Alter von Sozialhilfe leben? Irgendwie sehe ich das jetzt nicht als hilfreichen Ansatz. Was ja nicht auschließt, sich über Kornblumen zu freuen.
der_mike (Gast)

Das Schlimme daran ist irgendwie - es ist selbstproduziert. Niemand lässt sich die Schuld dafür zuschieben.

Trotzdem ein schöner Text, auch wenn ich die Stimmung, die nötig ist, um das zu schreiben, nicht unbedingt teilen möchte.

da kann ich nur zustimmen

So isses!

Recht hat sie, mal wieder, die weise Nessy, die mitten aus unsere Mitte berichtet und dabei auch noch so witzig ist.

Danke!

Die Entschleunigung tut Not.
Man sollte sich nicht diese Taktfrequenz aufzwingen lassen, seinen eigenen Rhythmus leben.
Nein sagen, Fernseher aus, Einladungen absagen, und plötzlich ist Zeit da, zum Nichts tun, zum verträumen, zum verbummeln.

tannieli (Gast)

bingo!

Genau so ist es, und wenn man mal eine Zeitlang nicht mitmacht, kriecht so ein unbehagliches Gefühl die Beine hoch: Was, wenn man gerade was verpasst? Während man gerade nichts tut??
Dabei verpasst man doch immer, immer, immer was, ständig und fortwährend, und weiß das auch. Und trotzdem ist es da, das Gefühl, und macht sich breit. Merkwürdig.

Ja, die Zeit ist schnelllebig. Ich muss mich aber nicht in diesen Strudel begeben. Trotzdem ich beruflich erfolgreich bin, bleibt mir nicht viel Geld übrig. Macht nichts, ich habe keine Erben, mitnehmen kann ich es nicht, und zum Leben reicht mein Gehalt allemal. (Ich hab auch keinen Flatscreen, fahre meist mit dem Rad in die Firma, habe keinen DVD-Player....)
Am Wochenende ist durchaus ein Tag dabei, an dem ich das Leben an mir vorbeiziehen lasse - ich versäume nichts, wenn ich nicht rausgehe. Im Gegenteil, meine Seele braucht diese Auszeit auf der Couch, gekrönt von süßem Nichtstun.
Du hast recht, mit all diesen Dingen, die du oben beschreibst. Aber sie sind hausgemacht. Jeder hat es in der Hand, aus der Maschinerie auszubrechen. Kein bequemer Weg - zugegeben, aber es lohnt sich.

Man kann es gar nicht oft genug sagen: Nur wer sich Zeit läßt hat auch Zeit. Einfach mal das Gas zurücknehmen. Nichts ist so wichtig, als daß es nicht auch Morgen noch erledigt werden könnte.

Blinkfeuer (Gast)

Cool, woll?

Apropos Gartenschaukel.
Die paßt auch ins Medienzimmer, wenn man den IKEA- Murks weglässt.
Foto nicht anbei, da kein Telefon...

Wieder mal sehr treffend formuliert, Nessy!

Ich denke, wenn man älter wird dann denken alle "früher war es besser".... ;-)

Ganz im Gegenteil!

"Früher" war Vieles anders - aber besser?
Nein, bestimmt nicht .... aber auch nicht schlechter ....
Ich weiss das, ich bin 60+ ....

Gurken kaufte man aus einem großen Faß,
Milch per Milchkanne aus einem Tank,
Mehl aus Säcken,
Zucker aus Schütten,
und Bonbons für Kinder gab es einzeln (!) aus einem Glas ....

Mal ehrlich - wer würde heute noch so einkaufen?
Wer hätte Zeit anzustehen bis die Tüten gefüllt sind?
Wer würde heute tolerieren, daß die Verkäuferin - früher "Tante Emma" - etwas mit der Hand* anfaßt?

* Wenn schon Körperhaare *igitt!* *bah!* und *pfui!* sind .... es könnte allerdings dazu beitragen das Leben zu *entschleunigen* ....
ruebefrei

jepp, so sieht es aus. aber ehrlich, ist eigentlich geil, oder? bissel dekadent vielleicht...

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Kaffeeklatsch

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nessy - 31. Dez, 22:42

Keks dazu

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Aktuellstes, dem Telefonino beigebrachtes Wort: schnorcheln

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