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Menschen im Hotel

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Da war der dünne José, ein hagerer Kellner mit gelocktem Beckham-Kamm. Er lebte eine dynamische Fröhlichkeit, mit der er vornehmlich heruntergefallene Löffel über die Aussichtsterrasse kickte. Ich nahm von ihm an, er sei der Azubi, weil er sich regelmäßig einen Anschiss bei Thomas D., dem Oberkellner mit Glatze und Hornbrille, abholte. Tage später allerdings traf ich ihn am Hafen. Er ließ seinen Sohn über die Kaimauer spazieren, und plötzlich sah ich die Lachfalten um seine Augen.

Der dicke José lachte in meiner Gegenwart nur einmal. Er war das Gegenstück des dünnen José - sowohl was Körperhöhe als auch -breite als auch das Feuer und die Leidenschaft anging. Der dicke José trug seine Kellnerschürze unter einem voluminösen Schweinebauch, und er sagte nicht "¡Hola!", wenn er an unseren Tisch kam, sondern so etwas wie "¡Hormpf!". Das eine Mal, als er lachte - ich bin mir sicher, da hatte er am Abend zuvor ein Rendezvous mit dem Klavierspieler.

Der Klavierspieler, das war Isaac, ein Mann mit dem Verve einer Mottenkugel, ein Pullunderträger mit einem höflichen, huldvoll-distanzierten Lächeln, das, auch wenn es den Anschein hatte, weniger dem Publikum galt, als dass es seinen Ursprung in Gedanken an den dicken José hatte. So jedenfalls stellte ich es mir vor. Auch stellte ich mir vor, dass er in seinem zweiten Leben, wenn er nicht in der tropisch geschmückten Hotelbar vor gönnerhaften, an Cocktails nippenden Gästen spielte, der Monsieur Mathieu der ärmlichen Dorf-Schule war: ein charismatischer Musiklehrer, aus dessen Unterricht Genies hervorgehen.

In Isaacs Schallkreis befanden sich Abend für Abend die Queen und die Princess of Wales - zwei distinguierte britische Damen zweier aufeinanderfolgender Generationen, die aufrecht in ihren Polstern saßen und in einer Art würdevoll zueinander sprachen, als seien sie dauerhaft balzende Rebhühner im Prachtkleid. Sie hatten ihre Männer dabei, zweifellos Vater und Gatte der Princess, aber die beiden waren so blass, als seien sie nicht existent.

Nicht Brite und gar nicht königlich war Mary, ein leicht aufgequollener Mittfünfziger mit grau-meliertem Fünf-Tage-Bart, der unter anderen Umständen ein Indiana Jones hätte sein können, der in der gefegten Umgebung des Hotelgartens aber nur ein schlecht rasierter Geck mit einer am Arm festgewachsenen Herrenhandtasche war. Am Leib trug er zu jeder Gelegenheit und Unmöglichkeit ein schwarzes T-Shirt mit dem weißen Aufdruck "Queen Mary 2", dazu einen Leinenbeutel von Macy's. Am Salzwasserpool saß er auf seiner Liege wie ein NVA-Grenzsoldat in Hemlstedt-Marienborn, grimmig im Phänotyp, unsicher im Wesen.

Auch immer am Salzwasserpool saßen Heinz und Bärbel, ein Pärchen, bei dem sie sich stets nackt sonnte und er statt einer Badehose einen weißen Feinripp-Schlüpfer trug, der ähnlich einem Eiweiß bei einem English Breakfast um sein Gemächt schaukelte. Ich bemerkte die beiden erstmals, nachdem ich mich während des Sonnens auf den Bauch gerollt und in dieser Haltung eine Weile gelesen hatte. Als ich am Kapitelende inne hielt und meinen Blick kurz aufrichtete, schaute ich zunächst in Bärbels natürliche Intimbehaarung. Erschrocken wandte ich meine Augen zur nächsten Liege, doch der Anblick war Heinzens heißes Höschen und somit ebenfalls unerfreulich. Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich ihre Gesichter nicht erinnere; ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich sie angezogen beim Abendessen erkannt hätte.

Und dann waren da noch die Wichtel, die nachts die Palmen schüttelten, dass ich meinte, es sei Meeresrauschen; und dann, es sei er Wind. Doch nach wenigen Tagen wusste ich: Auf dieser verwunschenen Insel geschehen die Dinge nicht durch profane Naturereignisse. Auch den Nebel macht nicht das Wetter, sondern den Nebel machen viele Wichtel, die bestimmt aussehen wie die Oompa Loompas in Willy Wonkas Schokoladenfabrik.

Innerhalb von zwei Wochen wurden sie allesamt ein bisschen wie meine Verwandtschaft: Ich hatte sie mir nicht aussuchen können, aber ich habe mich an sie gewöhnt.

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