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Sezieren als mediale Therapie

Winnenden und was danach kommt: die Suche nach einem Motiv, die Diskussion um Schuld. Das alles, um zu verstehen. Um Befriedigung in der Zuweisung von Verantwortung zu finden.

So funktioniert das nicht. Auf die Frage nach dem "Warum" existiert keine Antwort.

Weil die 15 Toten aber nicht vom Blitz getroffen wurden, sondern von Menschenhand starben, will sich eine Gottergebenheit nicht einstellen.

Einen Finger können wir allerdings auch nicht ausstrecken, um auf den Täter zu zeigen. Denn da sind die unaufmerksamen Eltern, die betriebsblinden Lehrer, die überflüssige und ihrem Wesen nach böse Ballerspielindustrie. Nicht zu vergessen "die Gesellschaft" - wir gesichtslose, uns ins Anonyme verkriechende Ignoranten, die wir uns nicht für unseren Nächsten interessieren.

Wir wollen Rechenschaft, wo wir keine finden können. Wir wollen Eindeutigkeit, wo es keine gibt.

Seitenlange Analysen, Interviews mit Psychologen und kritisch-philophische Betrachtungen gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen - dieses ganze Gequatsche, es ist ein Placebo, eine Scheintherapie gegen unsere Fassunglosigkeit: Gefühle wie Trauer und Entsetzen lassen sich nicht rational befriedigen. Es gibt keine einzige Wahrheit, ebenso wie es keine einzige, eindimensionale Schuld gibt - außer der des Täters im Augenblick der Tat.

Schön einfach, wenn letzten Endes keiner Schuld hat. Das ist nicht so mein Métier, aber „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.” Wie oft wird denn weggeschaut, mag in virtuellen Welten darüber vielleicht noch gebloggt werden im Schein der Anonymität? Da kann sich jeder, und ich glaube wirklich jeder, fragen, ob man nicht etwas mehr Verantwortung übernehmen kann in seinem realen Umfeld, ohne gleich in so etwas wie in ein Helfersyndrom zu verfallen.

Erzangie

Das sehe ich anders, das mit dem "Schön einfach, wenn letzten Endes keiner Schuld hat". Einfacher ist es, etwas oder jemanden identifizieren zu können, dem man die Verantwortung zuschieben kann. Die Vorstellung, dass eine solche Tat NICHT erklärbar ist, dass der Täter "nur" krank und durchgeknallt war und dass deshalb niemand etwas tun kann, um Vergleichbares zu verhindern, DAS ist doch das Erschreckendste.

Mir ging es nicht darum, nun mit Sicherheit sagen zu können, wo die Ursachen liegen und inwieweit diese nachvollziehbar sind und man somit etwas hätte tun können. Gerade nicht das „Zuschieben” von Verantwortung, was wirklich einfach wäre, weil man sich selbst bei so etwas meist sehr gut ausklammern kann, sondern ein persönliches Hinterfragen, das bestimmt nicht so einfach zu beantworten ist.

Es ist wohl ein Stück von beidem: Die Tatsache, dass man im Grunde nichts tun kann, entbindet uns nicht der Verantwortung, sie immer wieder zu hinterfragen.

Aber selbst wenn die Eltern oder Freunde nicht genau hingeschaut haben: Was hätten sie entdecken sollen, wenn sie genau hingeschaut haben? Dass der Junge sich gerne verkroch? Dass er Computerspiele spielte? Dass er zurückgezogen und kontaktscheu war?

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich 17 war, wäre ich wohl auch ein potentieller Amokläufer gewesen. Nur Ballerspiele gab's damals noch nicht.

Wunderbar formuliert!
Wir wollen was zum Greifen/Festhalten, damit wir es hier in unserer physischen Welt verstehen können! Das ist das Spiel der Menschen!

Hallo Frau Nessy!
Toll! Sie haben meine Gedanken gelesen, weiter interpretiert und besser formuliert als ich es könnte. Herzlichen Glückwunsch! Seinen Sie froh dass ich kein Verklagomat-Anwalt bin :-)

Viele Grüße von dem baldigen Schneerutscher!

Sie fahren Ski? Aber ich hoffe, nicht Amok. Und bitte nicht auf fremde Pisten einbiegen. Tragen Sie einen Helm. Man hört dieser Tage so viel.

Das Problem muss in der Gesellschaft gelöst werden. Es muss sich was im Oberstübchen der Leute tun.
Leute, die nix dabei finden, die letzten Sekunden im Leben des Täters zu filmen und das Video zu verbreiten (und das wahrscheinlich auch noch für Geld) - was können die ihren Kindern an Werten vermitteln?

Erzangie

Die gleichen Werte wie die, die nix dabei finden, sich dieses Video anzusehen und die Zeitung zu kaufen, die mit einem Bild daraus den Titel aufmacht. Nur ist das Ansehen und Lesen noch anonymer, da kann man das latent vorhandene schlechte Gefühl auf die Anbieter schieben.

"Es muss ich was im Oberstübchen der Leute tun". Das ist zu plakativ. Schnell gesagt, jeder nickt, politisch korrekt. Aber "die Leute" sind wir ja alle... und ändern wird sich nicht so schnell etwas. Ich persönlich glaube auch nicht, dass die "perfekte Gesellschaft" solche Greueltaten verhindert, denn wer weiß schon genau, wie ein krankes Hirn tickt?

Leider kann auch ich nur kritisieren. Die schnelle Lösung kann ich nicht bieten (sonst wäre ich auch nicht in meinem unterbezahlten Job) Ich finde es nur zu einfach, es auf wenige Aspekte wie Eltern, die keine Zeit haben, Nachbarn, die nicht hingeguckt haben, Schule, die sich nicht gekümmert hat und letzten Endes Ballerspiele, die ganzganz böse sind, zu reduzieren.

Als ich das Handyvideo sah, war ich auch ... sagen wir: erstaunt. Wenn mir auf einem Parkplatz ein bewaffneter Typ begegnete, der von einem Haufen vermummter SEK-Beamter gejagt wird, und wenn es dann zu einem Schusswechsel kommt - mein Arsch ginge derart auf Grundeis, ich hätte mich flach hinter irgendwas geworfen, hätte auf den einsetzenden Tod gewartet und läge wahrscheinlich jetzt noch da, wenn mich niemand aufgesammelt hätte.

Was "diese Leute" ihren Kindern an Werten vermitteln? Es sind aber doch eine anderen Leute, als es früher auch gab - damals, als noch nicht alles mit dem Handy gefilmt wurde. Engstirnige, egozentrische Gaffer gab's schon immer.

Es war kein Amok, es war kalter und berechneter Massenmord! Mehr nicht und auch nicht weniger.

Wär der Bub nicht an eine Schußwaffe gekommen, ja mit einer Keule oder ein Taschenmesser wäre wohl alles anders ausgegangen! Bzw. hätte erst gar nicht angefangen...

Die Politik, die Sicherheitskräfte und alle die mit Schulen zu tun haben, die sich bereits seit den ersten Massenmorden in...ja wir wissen alle wo, so maßlos betroffen zeigten, alle aber niemand hat etwas getan. Obwohl es, dank Deutscher Ingenieurskunst, bereits seit Jahren Sicherungs-Systeme für Schusswaffen gibt...sogar der Skifahrer aus Thüringen hat sich das System bewundernd, nach dem Massenmord von Erfurt, weil Politiker sind ja stets als "erste" vor Ort und geizen nicht mit Betroffenheit...angeschaut, er wusste also davon, was ist geschehen? Nichts! Und - Amokläufe, wovon alle reden, die gibt es schon seit tausenden von Jahren...ist bei manchen Völkern Sitte...wie gesagt...es ist stets ein Frage der Waffe...sorry für meine Emotionen, aber es wird wieder nichts passieren...

lab-maus (Gast)

blaming the victim and other methods to keep yourself save

Unsere Sekretärin im Büro hat gemeint: "Wenn man so stirbt, hat man das in die Wiege gelegt bekommen." Hab' ihr dann an den Kopf geworfen, daß ich ihre Sicht ziemlich simplifizierend finde und grundfalsch. Das Ganze auf den lieben Gott, die Nornen, das Schicksal oder sonstwen zu schieben und mit einem Schulterzucken die nächste Portion Pulver zu Heißgetränken zu rühren - das soll sie sich in Zukunft bitte sparen.
Hab' dann zum runterkommen im Aronson gelesen - bin die ganze Theorien zur Schaffung und zum Schutz des Selbstbildes nochmal durchgegangen, Ursachen für aggressives und prosoziales Verhalten durchgearbeitet.

Hat nicht geholfen.

Dann zu Fachpapern gewechselt: Bonobos vs. Schimpansen.

Hat geholfen.

magellan (Gast)

Ein "Warum"...

... beunruhigt mich aber schon: Warum sind diese Amok-Jungs eigentlich eigentlich offenbar immer ausgesuchte Mittelschicht-Vertreter? Tim K. macht ja gerade nicht den Eindruck, als wäre er so ein dahergelaufener Schlag-drauf-knall-ab-Dummbatz, sondern sieht eher aus wie ein Harry-Potter-Verschnitt -- wie passt das zusammen?

Dass es offenbar sehr gut zusammenpasst, ist mit ein Grund für die Fassungslosigkeit und ein Grund, sich umso angestrengter auf die Suche nach möglichen Ursachen zu machen, gleichsam nach Differenzierungsmerkmalen, die den Täter wieder genügend ausgrenzen...

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Kaffeeklatsch

Oh, ist das schön! Vielleicht...
Oh, ist das schön! Vielleicht ist es dann noch...
nina (Gast) - 17. Dez, 15:55
So ähnlich
http://redders.wordpress.c om/2009/12/14/ich-wurd-sie -nie-hergeben/
Marco (Gast) - 17. Dez, 07:47
Sie könnten ja auch...
Sie könnten ja auch den Jetzigen behalten und...
nessy - 16. Dez, 11:41
Wunderschön! Ich...
Wunderschön! Ich möchte auch mal solche...
LeilaCouleur - 15. Dez, 23:45
Ich bin auch schon mehrfach...
Ich bin auch schon mehrfach anlässlich von Hamburgbesuchen...
lordfoltermord (Gast) - 15. Dez, 18:23

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Aktuellstes, dem Telefonino beigebrachtes Wort: schnorcheln

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