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Kaufhauserinnerungen

Meine Familie hat ein besonderes Verhältnis zu Kaufhäusern.

Meine Großmutter und Tante lernten seinerzeit, Anfang der 20er und 60er Jahre, im Warenhaus den Beruf der Verkäuferin. Es war nicht Hertie, nicht Karstadt, nicht Kaufhof, es war ein Familien-Unternehmen mit einem Familien-Namen im Sauerland.

Das Kaufhaus war eine Warenhöhle, eine Linoleum-Gedenkstätte mit braunen Regalen und Gitterkörben voller Nippes - und mit einer kindheitsprägenden Rolltreppe; der ersten, auf der ich jemals fuhr (nur rauf, hinunter ging man Stufen an einem geschwungenen Geländer). Ich fuhr gerne, obwohl ich keinen Grund hatte zu fahren: Im ersten Stockwerk befanden sich Elektrogeräte und Porzellan. Ich hingegen interessierte mich nur für Süß- und Schreibwaren, für Esspapier und Glitzerstifte.

Egal, was sie verkauften: Die Verkäuferinnen standen hinter einem hölzernen Ladentisch mit Glasauslage, griffen hinter sich oder in die Schubladen unter der Theke und führten die Waren vor. Wer kaufte, erhielt das Produkt wohl verpackt: eingeschlagen in stumpfes, graues Papier, umwickelt mit einer blau-karierten Plastiktüte.

Das Geschäft gehörte meinem Großgroßonkel: ein Mann mit weichem, weißen Haar, der meine Großmutter "Tante" nannte, obwohl sie jünger war als er (ein Kuriosum unserer Familiengeschichte); ein Mann von würdevoller Eleganz, der neun Herzinfarkte überlebte und 92-jährig am Kummer um seine tote Gattin starb.

Als ich klein war, war der Freitag immer mein Großmutter-Tag; und Freitag war der Tag, an dem meine Großmutter ihre Einkäufe erledigte. Sie hatte dabei stets dieselben Haltepunkte: die bunt geflieste Metzgerei, die Bäckerei mit der goldenen Glasvitrine, den Lebensmittelladen mit den vornehm gekleideten Verkäuferinnen. Dann ein Besuch im Café: Verweilen bei einem Wurstbrötchen aus Blätterteig. Ich trank die Kondensmilch ihres Kaffees und aß eine Zitronenrolle. Auf dem Rückweg kehrten wir an die Stätte ihres früheren Wirkens zurück und kauften alles, was noch fehlte - vorzugsweise Uhu, Einweckglas-Gummis und Rasierklingen, mit der sich meine Großmutter ihre Hornhaut von den Füßen rieb. Sie erzählte Geschichten aus ihrer Lehrzeit, und ich hörte ehrfürchtig zu.

Das Kaufhaus war nicht sexy. Einkaufen 1.0, ohne Glitzer; in der Auslage ein künstlicher, von grauen Flocken zugestaubter Farn. Rückblickend bin ich mir nicht einmal sicher, ob es innen beleuchtet war, denn egal, wie fiebrig die Neonlichter flackerten: Es war immer dunkel.

Vor acht Jahren machte es pleite. Damals war es schon seit langem nicht mehr in Familienbesitz. Mein Großonkel hatte es rechtzeitig verkauft - weil sein Sohn ihm nicht nachfolgen wollte und weil er das Kaufhausgeschäft im Niedergang begriffen sah.

Trotzdem: Ich mag Kaufhäuser. Vielleicht aus Verklärung. Vielleicht, weil ich mich in ihnen behütet fühle. Vielleicht aus Zuneigung zu meiner Großmutter.

Traditionskaufhäuser nagen am Zahn der Zeit und am Hungertuch. Das Internet macht das Einkaufen zu einem bequemen Homeshopping, wo man sich vorher Erfahrungsberichte, Fotos, Tests und alles andere anschauen kann. Wenn man es real vor sich haben will geht man in ein "Geiz ist geil" Kaufhaus, die die restlichen Nochnichtiminternetbesteller aufsaugen. In Hamburg ist es vor Jahren mit Brinkmann passiert, nun ist Karstadt dran...

Diese Erkärung ist mir zu einfach. Ich bestelle nicht viel im Internet, außer mal Bücher oder DVDs, aber selbst Bücher blättere ich lieber vorher durch, lese sie an und suche mir sie "haptisch" aus.

Dann bist Du vielleicht ein "Klassiker" :-). Aber die Menschen achten doch immer mehr auf Preise, Schnäppchen, etc. Der gemeine Internetshop braucht nur einen, der die Pakete verpackt und verschickt und einen, der die Artikel pflegt. Vergleich doch mal die Preise für einen Kühlschrank bei Karstadt und bei Saturn... und dann sag mir, dass Du bei Karstadt kaufst. Die Mischkalkulationen großer Kaufhäuser gehen einfach nicht mehr auf, sie sind zu teuer und tragen einen biederen Stempel vor sich her. Deswegen wurde auch das Alsterhaus in HH komplett gepimpt um eine moderne Einkaufswelt der gehobenen Klasse vorzugaukeln. Karstadt hingegen war oft nicht Fisch und nicht Fleisch... nicht günstig und nicht exklusiv.

Ich halte das Sortiment für nicht durchdacht. Zum Beispiel Kleidung. Warum sollte ich im Karstadt mit seinem Shop-in-Shop-System nach Kleidung gucken, wo ich doch in den einzelnen Läden, die sich in der Innenstadt direkt nebendran befinden, eine viel größere Auswahl in der Marke habe und sich die VerkäuferInnen auch besser auskennen.

Wenn Du mich fragst, müssen die Kaufhäuser abspecken und das bieten, was es nicht in Einzelgeschäften zu kaufen gibt - all dieser Tinnef wie Klobürsten, Bügelbrettbezüge, Bilderrahmen, Nähzeug, Kissenbezüge, Handtücher.

Kleidung, Elektronik, Schmuck und Bücher kaufe ich im Fachhandel. Für einen Schirm, eine Thermoskanne und meine blickdichte Feinstrumpfhose gehe ich ins Kaufhaus. Dort habe ich - entgegen aller Vorurteile - zuletzt auch eine gute Beratung und alles über Feinstrumpfhosen erfahren.

Ich trage keine Feinstrumpfhosen... Aber ich stimme Dir vollkommen zu!

@Nessy: genau so geht es mir auch. Und ich frage mich, wo ich solche Sachen wie zB. Knöpfe (sog. "Kurzwaren" :-) ) dann zukünftig kaufen soll ?

Für Bettwäsche und Handtücher oder auch Strümpfe gibt es ebenfalls Fachgeschäfte, dito für Schreibwaren. Aber zum einen meißt eher exklusiv=teuer, zum anderen möchte ich auch nicht für jedes einzelne Produkt in einen separaten Laden gehen müssen.

Knöpfe, Reißverschlüsse, Schnürsenkel - davon kann man vielleicht allein nicht leben, aber in der Summe und auf kleinerer Fläche?

Für Handtücher gibt es in der Tat Fachgeschäfte, allerdings brauche ich nicht für jeden Feudel, den ich mit in die Sporthalle nehme, die flauschigste Möve-Matte.

Schreibwarengeschäfte scheinen übrigens genauso wie Spielwarengeschäfte vom Aussterben bedroht. Bei mir in der Innenstadt gibt's keinen Laden mehr.
Lobo (Gast)

Schreibwarengeschäfte

sind ja auch von Supermärkten und Discountern mit billigstpreisen totgeschlagen worden.

Hier in der Kleinstadt funktioniert meine Buchhandel/PBS Kombination noch, aber in größeren Städten ist das schwierig.


Ich hab das Gefühl, es findet langsam ein Umdenken statt. Die Leute legen wieder mehr Wert auf Service und individuelle Beratung.
Die Kaufhäuser sind ja eher ein Relikt aus der Wirtschaftswunderzeit, als man noch mit einem riesigen Angebot protzen musste, heute ist die Devise wieder "Kleinaber Fein"

Kondensmilch? Ehrlich? Die schmeckte Ihnen als Kind? Hm... vielleicht schmeckte sie mir nicht, weil ich ein Bauernkind bin und mit Milch groß wurde.
Eine schöne Erinnerung haben Sie da vorgeholt, erinnert mich an meine Einkäufe mit meiner Großmutter. Danke!

Die Kondensmilch gab es in kleinen, gusseisernen Kännchen. Ich war völlig scharf darauf. Hat sich dann aber gelegt.

Melancholie

das ist ein wunderschöner romantischer Rückblick für die alten traditionellen Kaufhäuser. So ein melancholisches Gefühl hatte ich gestern auch, als ich von der Insolvenz für Herti und Karstadt erfuhr.

Diese haben das Land ja über jahrzehnte geprägt.

Alsin Rostock das traditionelle Kaufhaus von seinem alten Stil befreit wurde, war ich auch traurig. Schon allein die große breite mittige Treppe - sie glich einer Portaltreppe - verschwand, war das ursprüngliche des Kaufhauses verschwunden und für mich entfremdet.

Heut ist darauf Kaufhof geworden und die Kunden bewegen sich nur noch über Rolltreppen. Das große Portal mit Schloßcharakter mußte der Kauffläche und den Rolltreppen weichen.

Gruß LaWe

In meiner Erinnerung gibt es einige Geschäfte mit Ladentischen - unter anderem ein Miederwarengeschäft mit hohen Regalen, in denen vergiblte Kartons mit riesigen Büstenhaltern und strammen, braunen Miederhosen aufbewahrt wurden.

Schon urig.

Ich trank die Kondensmilch ihres Kaffees und aß eine Zitronenrolle.

Gott sei Dank waren die Kalorien damals noch nicht erfunden. Besonders die Kondensmilch find ich ja ein wenig eklig.

Damals gab es Kalorien nur für Mütter.

Das haben Sie sehr schön beschrieben.

Und gleich fällt mir wieder ein, dass wir direkt neben einem solchen Kaufhaus gewohnt haben. Nur war keine Rolltreppe da. Dafür aber die dunkelbraunen Schränke mit Glasguckloch für die Unterwäsche und ernsthaften Verkäuferinnen mit dem strengen Blick. Dafür gab es auch Wäscheknöpfe in verschiedenen Größen, aus Plastik zum rausnehmen für die Kissen, die zwei Knopflöcher hatten, und die metallenen, aber mit Stoff überzogenen.
Es gab auch noch die Befestigungsösen für die halterlosen Strümpfe. Aber nicht mehr lange, alle stiegen auf Stumpfhosen um. Man konnt im Kaufhaus später die Strumpfhosen mit Laufmaschen abgeben, sie wurden repariert, für 10 Pfennig die Laufmasche.

Wie repariert man denn Laufmaschen?
Ich kenne nur den Nagellacktrick, damit sie nicht weiterlaufen.

Guckloch für Unterwäsche?
Hihi. Sowas kenne ich. Aber wahrscheinlich meinten Sie nicht das, was mir grad vorschwebt.

Die Laufmaschen wurden wieder hochgehäkelt, die Stümpfe waren repariert, sozusagen.
Nackellack hält ja nur die Maschen davon ab, weiter zu wandern.
Die Schränke und Schubladen waren aus Holz. Damit man sehen konnte, was darin lag, hatte die Vorderfront eine kleine Glassscheibe, ein Guckloch sozusagen. Peepshow für Schlüpfer.
So heißen die Jazzpants damals.

Schlüpper, ja ... *lacht. Oder auch "Unnerbuxen".

*seufz* So eine schöne Geschichte! Ich vermisse auch die guten alten Kaufhäuser. Also die richtigen, mit allem vom Herrenunterhemd bis zum Reißverschluss und mit gut ausgebildeten Verkäuferinnen, die einem auf die Füße oder die Brust schauen und sofort die richtige Größe kennen - Nicht schlecht motivierte weil unterbezahlte Aushilfen.
Verkaufen hat bei uns übrigens auch so ein bisschen Familientradition - sollte ich vielleicht auch mal aufschreiben, was da noch so an überlieferten Storys schlummert.

... oder Verkäuferinnen mit Maßbändern um den Hals und Nadelkissen an den Handgelenken.

Oh ja bitte! Und Bleistift hinterm Ohr, falls man den Preis mal doch nicht im Kopf gerechnet kriegt.

Kaufhausrestaurants

gibt es leider auch nicht mehr. Ich hatte auch wie Frau Nessy einen Tag-mit-Oma, der mittags feierlich im Kaufhof-Restaurant begangen wurde. Dort wurde noch bedient, kein Selfservice! Ich wünsche mir heute noch manchmal die Bockwurst mit Pommes, dazu (warmer) Ketchup auf der Wurst, das ganze serviert auf längsrechteckigen Tellern, dazu Fanta.
Natürlich alles vor Erfindung der Kalorien, denn zwei Stunden später gingen wir bereits wieder konditern, mit Sanani- oder Thusnelda-Schnittchen.
Lieber Grüße Anni

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Kaffeeklatsch

Oh, ist das schön! Vielleicht...
Oh, ist das schön! Vielleicht ist es dann noch...
nina (Gast) - 17. Dez, 15:55
So ähnlich
http://redders.wordpress.c om/2009/12/14/ich-wurd-sie -nie-hergeben/
Marco (Gast) - 17. Dez, 07:47
Sie könnten ja auch...
Sie könnten ja auch den Jetzigen behalten und...
nessy - 16. Dez, 11:41
Wunderschön! Ich...
Wunderschön! Ich möchte auch mal solche...
LeilaCouleur - 15. Dez, 23:45
Ich bin auch schon mehrfach...
Ich bin auch schon mehrfach anlässlich von Hamburgbesuchen...
lordfoltermord (Gast) - 15. Dez, 18:23

Keks dazu

T9
Aktuellstes, dem Telefonino beigebrachtes Wort: schnorcheln

Mood

Kundschaft

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Pächter

Im Geschäft seit 1443 Tagen.
Letzte Bestellung: 17. Dez, 15:55

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