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Geschichten aus Kühlungsborn II

Alleine zu reisen ist eine seltsame Sache. Denn es bedeutet, unter Beobachtung zu reisen. Ein Gefühl, das sich in Begegnungen spiegelt - in einem Ferienort, der einzig bevölkert ist von Familien und älteren Ehepaaren.

Nehmen wir die Rezeption meines Hotels. Ich komme an. Hinter dem Tresen steht eine stabile, blondgraue, in jeder Hinsicht dienstbeflissene Empfangsdame klimakterischen Alters. Ich nenne meinen Namen und dass ich reserviert habe. Sie weiß sofort Bescheid: "Ah, das Einzelzimmer!" Ja, sowas merkt man sich hier.

Wir erledigen die Formalitäten. Sie verweist direkt auf das Veranstaltungsprogramm des Ortes ("Falls Sie mal Unterhaltung brauchen.") und schaut mitleidig. Dabei bin ich doch gerade hier, um keine Unterhaltung zu haben. Ich möchte nur sein.

Am nächsten Morgen das Frühstück. Ich suche mir am Buffet die schönsten Sachen aus - Saft, Lachs, ein Croissant, Himbeermarmelade -, setze mich und schlage mein Buch auf (es ist Urlaub, ich mag keine Zeitung lesen; alles, was außerhalb meines Erholungskosmos geschieht, betrifft mich erst in fünf Tagen wieder). Das ältere Ehepaar vom Tisch gegenüber schaut interessiert. Oder nein: Es starrt. Es taxiert mich von den brombeer lackierten Zehennägeln bis in die blonden Haarspitzen (die Menschen fangen nach einem ersten flüchtigen Blick immer unten an, immer), beäugt mich beim Marmelade-aufs-Hörnchen-Streichen und möchte mit Stieren und sich Vorlehnen herausfinden, was ich lese. Immer ist es sie, die sich zu ihm beugt, ihm zuflüstert, zu mir schaut und weiterflüstert ("Sie ist allein ... dabei sieht sie gar nicht aus, als müsste sie alleine reisen ... aber bei den jungen Menschen heutzutage ... alles Individualisten ... wollen sich doch nicht mehr binden ...").

Die Familien schauen manchmal missliebig ("Wir! plagen uns mit deinen! Rentenzahlern ab!"), sie aber auch gerne mal neidvoll ("Nur einen Tag tauschen, einen Tag!"), er so gut wie immer interessiert ("Oh ... schön ... mmmmh ... eine allein Reisende ... ungebunden, bedürftig, ausgehungert ... denk an was anderes!").

Im Chinarestaurant werde ich gar nicht erst bedient. Die kindhafte Kellnerin huscht Mal um Mal an mir vorbei. Es scheint, als warte sie darauf, dass in Kürze die komplette Festgesellschaft eintrifft oder zumindest ein Rendezvous; erst dann wird sie die Karte bringen, das gebietet die Höflichkeit - nur dass ich auf niemanden warte und sie es deshalb auch vergebens tut. Ich stehe auf und gehe.

Beim Italiener kommt immerhin ein Kellner. "Möchten Sie hier essen?" fragt er. Nun ja, wonach sieht es aus? Würde ich meine Wäsche bringen, hätte ich einen Korb dabei.
"Ja", antworte ich.
"Sind Sie allein?" fragt er.
Nein, ich habe meinen Freund dabei. Hach, eine ganz doofe Geschichte. Er hat sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen, seitdem ist er unsichtbar. Die Nebenwirkungen - von denen hört man ja dieser Tage allerhand. Aber dass es so schlimm wird ... jedenfalls ... er sitzt mir gegenüber. Dumm nur, dass er sein Portmonee in der Tasche hatte, als er die Spritze bekam ... das ganze Geld ist jetzt auch unsichtbar. Aber das soll sich nach zwei, drei Tagen wieder geben, dann können Sie's ganz normal verbuchen. "Ja", sage ich.
"Soll ich Ihnen also die Karte bringen?" fragt er.
Nee, lassen Sie mal. Mein Freund und ich gehen einfach zum Kühlschrank und schauen, was wir so finden. Kein Ding. Machen wir zu Hause auch. Nur keine Umstände. "Sehr gerne", sage ich.

Alleine zu reisen ist wirklich eine seltsame Sache.

Das ist wohl auch so ein Phänomen, das zeigt, daß die vielgepriesene Emanzipation sich in gewissen Dingen dann wohl doch noch etwas Zeit läßt... ich reise oft und gern allein, bevorzugt mit meiner KLE, was sowohl den Spaßfaktor erhöht (die Anreise ist bereits ein kleiner Urlaub für sich) als auch das Ökogewissen beruhigt (mein Durchschnittsverbrauch liegt deutlich unter 5 Litern, der bisherige Minimalwert bei 3,8), und mir ist so etwas als Mann noch nie passiert...

Allein reisende Männer sind immer schwul. Oder wollen Sex mit 14-jährigen Prostituierten. Sagt man. Wussten Sie das nicht?

//*googelt KLE
...
"Klinik Logistik Eppendorf"
...
"Kaffeelöffelheimseite"
...
Ah, hier: Kawasaki KLE 500.
Das macht Sinn.

Das ergibt Sinn - soviel Zeit muß sein, ist ja nur ein Buchstabe mehr ;-) Und ich frage mich gerade, warum Schwule nicht mit ihrem Partner reisen sollten... allein reisende Männer sind immer Single wäre logisch.

Tun sie, aber offensichtlich nicht nach Kühlungsborn - eher auf die Kanaren oder auf Rundreisen. Es ist dann btw interessant zu beobachten, wie Eltern reagieren, wenn ihre Kinder fragen: "Du, Mama, warum halten die beiden Männer sich an der Hand?" Einfache Antworten wie "Weil sie sich lieb haben" kommen nie.

Lol, das hast du toll geschrieben.
Ich finde übrigens nichts deprimierender, als alleine im Restaurant zu essen. Ich bestelle, ich esse, ich gehe. Es fehlen die Gespräche.
Aber die Idee mit dem Buch ist gut. Funktioniert das?
Muß ich mal ausprobieren.
Schönen Urlaub noch, Gruß Svenja

Die Sache mit dem Buch ist sehr entspannt. Am geeignetsten ist leichte Kost - also: literarisch. Dann findet man nach Aufspießen der Erbsen auch schnell den Faden wieder.

Das hat der junge Alleinessende Mann neulich sehr praktisch gelöst. Headset sei Dank konnte er von Betreten des Restaurants bis zum Verlassen und während jedem Bissen und auch während dem Kurzgespräch mit der Kellnerin telefonieren. Nichtmal beim Bestellen und Rechnung zahlen schwieg er kurz, sodass die Kellnerin sich herausfiltern musste was nun für sie bestimmt war und was für die Angebetete an der anderen Leitung.

Ist vielleicht auch einer von denen, die nach einem (netto) 40-Minuten-Inlandflug noch auf dem Taxiway aufspringen, das Handy einschalten und reinschreien: "Ja, ja, ich bin gelandet ... ach so, sehen Sie an der Anzeige ... ja, ja, ich bin dann jetzt gleich am Gate ... ich komme dann raus ..."

Die Ruhe...

...und die Möglichkeit einmal ohne Kompromisse und Rücksicht Zeit für sich zu haben, entschädigt aber genügend.

Allerdings finde ich das Problem mit der Karte merkwürdig. So etwas hatte ich noch nie. Naja, es muss auch einen Vorteil haben, ein Mann zu sein...

D (Gast)

Nach 37 Jahren Erfahrung als Frau muss ich aus meiner ganz subjektiven Erfahrung leider sagen:
es hat NUR Vorteile ein Mann zu sein - möchten Sie tauschen?

@D(Gast) /komischer Name/

The gras is always greener on the other side.

@D: Nee, Frausein ist schon okay. Um die ganzen Vorteile aufzuzählen, die es hat, eine Frau zu sein, brauche ich einen eigenen Blogbeitrag.

Ich sach nur...

... Frauenparkplätze. Noch Fragen?

Ich sach nur ...

Titten.

Helfen ungemein, um etwas umgetauscht zu bekommen, was eigentlich nicht umgetauscht wird oder um Hilfe beim Reifenwechseln, Ölmessen, Tapezieren, Wasserkästentragen, Löcher-in-die-Wand-Bohren oder Ikea-Schränke-Zusammenschrauben zu bekommen.

Alleine ins Restaurant gehe ich auch nicht mehr, seit dem ich einmal nicht bedient wurde. Nach fünfzehn Minuten und einer gefühlten Stunde beim Italiener bin ich dann ebenfalls aufgestanden und gegangen. Auch Männern geht es manchmal so.

Ich weiß gar nicht, was die Belegschaft denkt, wofür man gekommen ist. Vielleicht als Vertreter für Unnützes? Oder Garderobenständer?

Eventuell hilft es ja, sich demonstrativ Notizen zu machen und das eine oder andere Foto zu schießen ;-)

Grundsätzlich verreise ich alleine, gehe allein ins Konzert, Kino, Kabarett, Kunstaustellungen, Kleinkunst. Von daher habe ich als attraktiver Mann gleiche Erfahrungen, die Leute schauen, tuscheln, mitleidiges Lächeln (bei den bereits zititerten Spießerehepaaren) oder interessiertes Schauen der jeweiligen Weiblichkeit, die meiner Aufmerksamkeit nicht entgangen ist, mit anschliessendem Ehestreit... darüberhinaus stört jegliche Begleitung meine persönliche Empfindungswelt. Hinsichtlich Hotel und Restaurants allerdings nutze ich ausschliesslich 5-Sterne-Hotels und Luxusrestaurants. Dort wird man jeweils auch als Mann-Single bevorzugt behandelt. In diesen Bereichen hat man Anstand und Erziehung!

Bin gerade dabei auch eine paar Tage Urlaub allein zu planen. Nach Ihrer Schilderung ist für mich schon mal klar, dass das Hotel ein sehr gutes Frühstücksbuffet bieten muss. Und was die übrigen Mahlzeiten angeht, werde ich aus der Not eine Tugend machen und hoffen, dass ich in diesem Urlaub mal nicht zunehme.

Mein Hotel bot Frühstück bis 12 Uhr. Das ermöglicht nicht nur das Ausschlafen, sondern macht das Frühstück auch zum Brunch, der bis zum Abend vorhält - was natürlich nicht gegen ein Nachmittags-Gute-Laune-Eis spricht.

bewundernswert

ich zolle hier mal meinen Respekt. Ich bin zwar auch schon lange Single und mache auch gerne und öfter was alleine, aber allein in Urlaub würd ich mich wohl nicht trauen.

Warum "nicht trauen?" Die Ostsee ist nicht der Jemen. Die Leute sprechen dort sogar zum Teil unsere Sprache.

Was ich allerdings nie alleine tun würde, ist wandern. Ich meine jetzt nicht spazierengehen, sondern richtig wandern, viele Höhenmeter mit Orientieren, Auf- und Abstieg. Davor habe ich zu viel Respekt. Dabei kann eine Menge schief gehen. Einmal umknicken, schon hockt man da.

Absolut! Die einzige Möglichkeit nicht komisch angeschaut zu werden sind Backpackerreisen. Essen nur to-go oder in Bars/Bistros. Die möglichen Urlaubsziele sind auch deutlich eingeschränkt. Alleine als Frau ist ja nicht überall so ganz ungefährlich...

Backpack ... ach nee.

Nach einer ausgewachsenen Lebensmittelvergiftung mit vier Tagen Krankenhausaufenthalt bin ich von Urlauben in Ländern, die hygienische Defizite haben, kuriert. Nicht nur als Frau jetzt.
Sirix (Gast)

Backpacken...

...kann man nicht nur in unterentwickelten dritte Welt Ländern. Kann man auch z.B. in den USA... wobei - ne, der wäre zu billig ;-)
Aber zumindest Hygiene ist dort kein Fremdwort.

ich liebe urlaub allein. und ich kenne alle beschriebenen sachen. die blicke (giftige ehefrauen, träumende ehemänner), das miteid, die irriation.
und wenn ich meinen nächsten urlaub plane, bieten sich immer wieder mitleidige menschen an, mitzufahren (nicht ganz uneigennützig, denn sie sind oft single und reisen ungern allein). ich lehne ganz schnell ab, es wäre schrecklich mich nach irgendeiner älteren, vereinsamten freundin richten zu müssen. mein urlaub gehört mir allein.

Es ist schon okay, mit einer Freundin zu fahren. Dann aber mit einer, mit der man auch mal schweigen kann und die im Doppelbett nicht penetrant zur Mitte rollt.

lach

da kommen mir ja ganz spezielle erinnerungen. wobei ich die variante "allein" mit kind sehr viel besser kenne. die beobachtungsmafia ist da aber mindestens genau so streng!
den gipfel an unverfrorenheit hab ich aber in einem sauteuren hotel erlebt, als mein mir damals angetrauter sehr kurzfristig absagen musste, ich anstandslos den vollen preis für drei bezahlen durfte, aber dann am ersten abend "nur" mit kind an den schlechtesten tisch im raum "umgesetzt" werden sollte. draufhin hab ich schon ein bisschen was dazu sagen müssen ... sehr bestimmt allerdings.

Sie meinen, bei Alleinerziehenden braucht das Kind nur einmal laut husten, schon heißt es: "Alleine mit dem Kind ist sie auch völlig überfordert"?

Großartig. Und da habe ich kürzlich noch, aufgrund meiner eigenen Alleinreise durch die Niederlande von 'maskuliner' Seite in mir gesprochen.

Wir sind einfach geschlechtslos glücklich und frei. Wieviel Einsicht bei so einem Trip über einen kommt, nicht?!

Schöne Grüße.

Hehe, der letzte Dialog war so richtig was zum chmunzeln, speziell mit den Kommentaren. Manch Situationen schreibt das Leben. "Herr Ober, zwei Gabeln, ich möchte mich amüsieren" pflegt unsere Grande Dame zu sagen.

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tigerhoehle.twoday.net - 9. Aug, 10:41

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