Gletscherzungen, ich erwähnte es
schon einmal, sind beeindruckende Werke der Natur, deren gewaltige Größe auf Fotos nur unzureichend rüberkommt. Selbst dem forschesten Wandersmann wird bei einer Annäherung erst dann deutlich, dass die Zunge sehr groß sein muss, wenn sie binnen einer halben Stunden strammen Fußmarsches nicht ein winziges Stück näher rückt.
Gestern kam ich bereits zum zweiten Mal in meinem Leben in den unbeschreiblichen Genuss, einer Gletscherzunge zu begegnen. Der Weg dorthin führte über einen
See, den wir mittels eines von einem alten Norweger gelenkten Motorbootes überquerten, das ebenso klapprig wie sein Besitzer war. Am anderen Ufer angekommen, stiegen wir zunächst bergan, immer parallel zu einem breiten, kraftvollen Wasserfall und dann weiter durch eine faszinierende, vom Eis in Wellen abgerundete
Steinlandschaft. Sie tat es der Gletscherzunge gleich: Was auf den Fotos wie nettes, leicht zu begehendes Gelände aussieht, war teils
schwierig zu erklimmen, hatte Fugen und Risse und war vor allem
weitläufiger, als das Auge mangels Anhaltspunkte es zu erkennen vermag (ich habe den Menschen im Bild zum Größenvergleich mit einem dezenten Pfeil markiert).
Mit uns hatten sich zwei Polinnen auf den Weg gemacht. Herr Nessy und ich hatten uns vor unserem Aufbruch den Rat im Reiseführer zu Herzen genommen und festes Schuhwerk angezogen. Die Polinnen machten sich frischen Mutes und in Ballerina-Schläppchen auf zum Gletscher. Wir kamen uns in unserer Wanderkluft zunächst etwas overdressed vor, doch nach der Durchquerung des ersten Bachlaufs und dem Entlanghangeln an der ersten Kante dankten wir dem freundlichen Herrn Baedeker für seinen überaus heißen Tipp.
Leider war es schon Nachmittag gewesen, als wir losgegangen waren - die Fahrstrecke von Fauske über den Polarkreis zum Svartisen-Gletscher hatte nichts anderes zugelassen -, so dass wir uns beeilen mussten, um zur Gletscherzunge zu gelangen und das letzte Boot zurück um 18.20 Uhr zu bekommen. Entsprechend drückten wir aufs Tempo und kehrten eine Stunde vor Abfahrt um, ohne bis ans Eis gelangt zu sein. Im Moment unseren Aufbruchs erreichten die Polinnen die kleine Anhöhe und begannen, munter Filmchen mit ihrem Camcorder zu drehen.
Die Entscheidung, eine Stunde vor Abfahrt des letzten Bootes ohne Rücksicht auf entgangene Abenteuer den Rückweg anzutreten, war eine gute, denn mit brennenden Sohlen erreichten wir schließlich den Anlegesteg, auf dem der wettergegerbte Kapitän schon mürrisch wartete.
Von den Polinnen jedoch, nach denen wir uns immer mal wieder umgesehen hatten, fehlte jede Spur. Ich bedeutete dem Norweger, dass die zwei Frauen fehlten. Der alte Mann, obwohl keiner anderen Sprache als des Norwegischen mächtig, verstand und wartete noch ein wenig. Mit dem Fernglas suchte er die Hänge ab. Doch nichts: Die Zwei waren nicht zu sehen.
Schließlich deutete er auf die Hänge, die den See umgaben, machte mit Zeige- und Mittelfinger das Zeichen laufender Beine, löste die Leinen und fuhr los. Ich schaute Herrn Nessy an: Ob er noch einmal zurückfahren und die Polinnen holen würde? Am Ufer führte kein Weg entlang. Selbst wenn: Zu Fuß und mit guter Ausrüstung brauchte man bestimmt mehrere Stunden. Herr Nessy zuckte mit den Schultern. Wir versuchten, den Norweger zu fragen, doch er verstand nicht. Was also tun?
Als wir zwanzig Minuten später am anderen Ufer anlegten, vertäute der alte Mann das Boot und verschwand in einem Schuppen. "Das sieht nicht so aus, als würde er nochmal losfahren", sagte Herr Nessy. Ich deutete auf ein kleines Boot mit Außenbordmotor. Vielleicht würde der Norweger damit noch einmal übersetzen.
Wir rätselten, was wir machen sollten. Was hättet Ihr getan?